Süße Erinnerungen
Man verzeihe einem alten Mann, dass er noch einmal auf den Begriff „Anspruch“ zurückkommt. Dieser alte Mann hat nämlich schon in seiner Kindheit gelernt, dass „Anspruch“ durchaus unterschiedlich bewertet werden kann. Hätte er damals in den 50er Jahren Anspruch auch nur auf eine Tafel Schokolade erhoben, so hätte er schnell gelernt, dass die harte Realität mindestens die Wartezeit bis Weihnachten oder Ostern gefordert hätte. Dann nämlich waren Pakete von den Omas zu erwarten, die Süßigkeiten enthielten. Im Laufe des Jahres waren derartige Genüsse äußerst selten. Wenn überhaupt. Später, Mitte der 60er, war der Knabe ja, dank eigener Erwerbstätigkeit, in der Lage, sich angemessene Wünsche zu erfüllen. In Bezug auf Süßigkeiten gibt es eine Erinnerung an Aldi. Der erste Aldi-Laden in Wilhelmshaven war konzeptgemäß sehr schlicht ausgestattet. Sowohl Sortiment als auch Präsentation erhoben keinen Anspruch auf ästhetische Höhenflüge. Aber es gab einen Karton mit Nougatriegeln. Mit und ohne Marzipan. Kam nun der Jungunternehmer auf seinen Liefertouren in die Nähe des Aldi-Marktes, so gehörte einer der Riegel ihm. Sofort, noch unterwegs, aus der Hand gegessen. Gelebte Unabhängigkeit!
Meine liebe Frau erzählte mir eine Kindheitserinnerung, die ihren sehr strengen Vater freundlicher erscheinen lässt. Etwa einmal im Monat, am Zahltag, brachte er eine Tafel Schokolade und ein Fix und Foxy-Heft für die kleine Monika und ihre noch kleinere Schwester mit nach Hause. Immer ein besonderer Tag! Überhaupt waren Süßigkeiten alles andere als alltäglich. Heute mag es lächerlich klingen, worauf ich zuerst komme, wenn ich an lang zurückliegende Ereignisse denke. Auf meiner Homepage habe ich in der Abteilung „Camping“ vom „International Youthcamp“ in Cornwall berichtet. Von dort aus hatten wir einen Ausflug an die Nordküste Cornwalls, in den kleinen Küstenort St Ives. Und woran denke ich zuerst? Noch vor dem beeindruckenden Strand und dem malerischen Ort? Zuckerstangen und „Cornish Icecream“! Ja, diese rot-weiß gestreiften Stangen. Die gab es sonst nur auf dem Jahrmarkt. Etwas wie die Cornish Icecream hatte ich zu vor noch nie gesehen, geschweige denn genossen. Eine Tüte gelbliches Milcheis mit zwei Stangen Borkenschokolade als „Ohren“. Unglaublich! Ich war 16, Teenager im vollen Saft! Und sowas beeindruckte den „coolen“ Knaben. Und dann noch Borkenschokolade! Welch ein Zufall!
Ich lebte nämlich in Wilhelmshaven. Dort gab es eine Ulmenstraße. An dieser Straße gab es einen Gewerbehof. Und wer produzierte dort? Und was? Die Firma Ulmer produzierte „Ulmer Borkenschokolade“. In der Ulmenstraße. Übrigens heute noch, nicht weit von diesem Standort. Diese oder baugleiche Schokolade lernte ich im fernen Cornwall genießen. Zufall oder Schicksal?
Wenn heute die Mutter mit dem Kind an der Kasse steht, so findet sie oft, „kindgerecht“ positioniert, Quengelmaterial. Ich nenne das so, weil der Anblick derartigen Materials Kinder regelmäßig zum quengeln bringt. „Mama ich will!“ Als versierte Pädagogin belohnt Mama diese Unbotmäßigkeit dann gern mit einem Überraschungsei, Kinderbueno, Kinderschokolade oder ähnlich gesunden Nahrungsergänzungsmitteln. Hauptsache reichlich Zucker und Fett! Die gleiche Mama, die die Pharmaindustrie verteufelt, weil sie böse Impfungen gegen so schöne Krankheiten wie Kinderlähmung, Masern oder Pocken anbietet?
An anderer Stelle berichtete ich von meiner Vorliebe für Marzipan. Möglicherweise tatsächlich genetisch bedingt. Schließlich bin ich in Lübeck geboren. Von einer Mutter aus Ostpreußen, unweit von Königsberg. Nicht nur, dass meine Mutter in Lübeck eine zeitlang bei Niederegger gearbeitet und gelegentlich Marzipanbruch nach Hause gebracht hatte. Es gab auch noch Bekannte aus Königsberg, die zu den besonderen Festen das zurecht berühmte Königsberger Marzipan herstellten und in überschaubaren Dosen auch an uns weitergaben.
All diesen Aktionen ist aber etwas gemeinsam: Die Besonderheit! Nichts davon gab es jeden Tag. Zu Weihnachten gab es den „Bunten Teller“. Darauf fanden sich nicht nur verschiedene Süßigkeiten, eben auch aus den Omapaketen, sondern auch Apfelsinen, Mandarinen, Äpfel, Datteln, getrocknete Feigen und Nüsse, ungeknackt. Alles Kostbarkeiten, die es sonst nicht gab. Die Verzehrreihenfolge und -menge durfte ich selbst disponieren. War der Teller nach einigen Tagen leer, war es das. Jetzt hieß es warten bis Ostern. Dann gab es das Osternest. Zunächst raffiniert aufgeteilt in verschiedene kleine Portionen, dominiert von gefärbten Hühnereiern, hartgekocht, die irgendwo versteckt wurden und von der Zielgruppe, mir, aufzufinden waren. Ein Spaß für die ganze Familie und für längere Zeit die letzten routinemäßig erreichbaren Süßwaren. Im Sommer gab es dann Obst. Ich gestehe nach angemessener Verjährung, dass der Löwenanteil der gesunden Vitaminbomben direkt aus dem Garten des jeweils zornigen Erzeugers in dem frechen Jungen landete, der gut klettern und schnell laufen konnte. Die botanischen Kenntnisse des Knaben wuchsen durch praktische Anwendung. Warum wohl wurden die „Klaräpfel“ wohl auch Augustäpfel genannt? Weiße, rote und schwarze Johannisbeeren wuchsen an Sträuchern, Himbeeren hatten oft Würmer, Brombeeren überwucherten große Flächen mit ihren stacheligen Ranken. Kirschen, süß und sauer, Erdbeeren, Pflaumen, Birnen, Äpfel, alles in verschiedensten Sorten und Reifegraden. Die Gärten in der Nachbarschaft boten ein breites Angebot. Da passt alles zusammen, frische Luft, Bewegung beim Klettern und Wegrennen und eine Vielfalt an Vitaminen und besten Nährstoffen. So entwickelte sich der gesunde und sportliche Typ, der auch heute noch so stattlich daherkommt.
Trotzdem gab es natürlich eine latente Affinität zu Süßwaren. Und es gab den Kiosk von Gertz. Ein Schiebefenster in einem Eckhaus. Dahinter allerlei Köstlichkeiten wie „Gertz Eis“. Ein Begriff für Kenner. Bekannt mindestens in der ganzen Straße. Der alte Gertz, aus meiner heutigen Sicht ein riesiger, brummiger alter Mann, stellte das Eis selbst her. Ich erinnere mich an die Sorten Schoko, Vanille, Zitrone und Erdbeere. Diese Creme portionierte er mit einem Schaber in die Eiswaffel. Für 5 Pfennige in eine Muschelhälfte. Für 10 Pfennige etwas mehr und eine zweite Muschelhälfte obendrauf. Er war dabei durchaus nicht knickrig. Ein freundlicher, brummiger, riesiger alter Mann. Nun waren wir Kinder ja durchaus nicht wohlhabend und kauften sehr kleinteilig ein. 5-pfennigweise. Damit konnte man die Geduld eines Kioskbesitzers durchaus herausfordern. „Pralinen“, wie sie in Haribo-Konfekt zu finden sind, gab es einzeln aus großen Gläsern. Abgezählt oder gewogen in Papiertüten. Das Glas mit den „Lakritzeknüppelchen“ stand ganz oben in einem Regal, das er mit einer kleinen Trittleiter erreichte. Wir Jungs halfen ihm nun, in Bewegung zu bleiben. Einer von uns ging hin und bestellte „für 5 Pfennig Lakritzeknüppelchen“. Gertz stieg auf die Leiter, holte das Glas herunter, bestückte die Tüte und stellte das Glas wieder ins Regal. Einige Minuten später kam der nächste Schlingel „für 5 Pfennig Lakritzeknüppelchen“. Leiter, Regal, Glas und zurück. Wir waren eine Gruppe so um die 5 Jungen. Wir fanden das lustig. Er weniger.
Mielke aus dem kleinen Lebensmittelladen an der gegenüberliegenden Ecke war als Zielperson nicht so lustig. Eher dröge und unfreundlich. Krämerseele. Da gingen wir nicht so gern hin. Es kam dazu, dass die Äpfel in seinem Garten nicht die beliebteste Sorte waren. Trotzdem musste er natürlich an der allgemeinen Umlage beteiligt werden. Aus Gründen der Gerechtigkeit. Allerdings endete der Spaß dort für mich recht abrupt. Der Gehweg um die Neubauanlage, in der ich mit meinen Eltern seit 1958 wohnte, war begrenzt durch einen niedrigen Balken mit quadratischem Querschnitt, eine Kante nach oben. Dahinter ein schmaler Grasstreifen zum Zaun des Nachbargrundstücks. In diesem Fall Mielkes. Um auf oder über diesen Zaun zu kommen, konnte ich den Balken als Zwischenstufe nehmen und auf einen Zaunpfosten aus Beton springen. Darauf konnte man stehen, sich an den Ästen des Apfelbaums festhalten und die Früchte ernten. Meistens klappte das. Einmal nicht. Ich sprang auf den Pfosten und rutschte ab. Zwischen den Pfosten war ein Maschendrahtzaun gespannt, oben gekrönt durch Stacheldraht. Verfehlte man den Pfosten, landete man im Stacheldraht. Der tat seine Pflicht und bohrte einen Stachel gründlich in meinen Oberschenkel. Etwa anderthalb Zentimeter rostiges Eisen. Rein ging ja noch. Raus war blöd! Ich hing ja in der Luft und musste mich freizappeln. Na ja, Pflaster, Ermahnung per Rohrstock und eine schöne Narbe. Risiko gehört dazu!
Eine Erinnerung, die ich mit meiner lieben Frau teile (damals noch unbekannterweise), betrifft eine ganz besondere Schokolade. Einzelne große Schokoladenstücke, aus großen Tafeln herausgebrochen und stückweise verkauft. Für 10 Pfennig pro Stück. Weiche Vollmilchschokolade, vermischt mit Kokosflocken und in Form gehalten durch einen Überzug aus Zartbitterschokolade. Die richtige Dröhnung vor der Schule! Verkauft wurden sie am Mühlenwegkiosk, genau dort, wo sich der Mühlenweg und der Ölhafendamm teilen. Links ging es zu den Schulen, Max-Planck-Schule und Humboldtschule, den beiden Knabengymnasien, Berufsschule und Sporthalle. Rechts direkt hinter dem Kiosk das Gefängnis. Passte irgendwie. Vor dem Kiosk trafen sich die Schüler mit ihren Fahrrädern und genossen, was der Kiosk zu bieten hatte. Ideale Lage. Als ich meiner Monika davon berichtete, wusste sie sofort, worum es ging. Sie war ja in dieselbe Berufsschule gegangen und hatte die gleiche Schokolade geliebt. Wenn das keine objektive Kundenmeinung ist!
Irgendwie ist im Laufe der Jahre der „Kick des Besonderen“ auf der Strecke geblieben. Was man immer und überall kaufen kann, wird irgendwann von der Ausnahme zu Normalität und vom seltenen Genuss zum Mengenproblem. Eigentlich eine ganz nette Überleitung zu einer weiteren Erinnerung, die eine enorme Entwicklung beschreibt. Einige Meter stadteinwärts gab es nämlich die Mühlenwegkreuzung. An diesem wichtigen Knotenpunkt war das „Nürnberger Haus“ von der gleichnamigen Versicherung errichtet worden. Aus damaliger Sicht ein Riesenkomplex. Oben Büros, unten Geschäfte, auch eine Sparkassenfiliale, die einige Monate mein Arbeitsplatz wurde, und eine Zweigstelle von „Italia Eis“ aus der Marktstraße. In der Eisdiele gab es eine Musikbox. Sensationell! Dazu später mehr.