Ist Ignaz ein Nazi? 

Lange Zeit, es werden wohl Jahrhunderte gewesen sein, hat sich kein Mensch etwas dabei gedacht, wenn jemand mit „Nazi“ angesprochen wurde. Es war einfach ein Kurzname für Ignaz. Eher unverfänglich. Egnatius war ein etruskischer Name, dessen Bedeutung heute unbekannt ist. Daraus wurde wohl der lateinische Ignatius, der von ignis, Feuer, abgeleitet ist. Das hat mit unserer Vorstellung von Nazis auch nur mittelbar zu tun. Der Journalist Hans Kratzer hat sich mit dem Namen und seinem Kürzel beschäftigt und schreibt dazu in der Süddeutschen Zeitung vom 1. Februar 2019: 

„Nazi war quasi ein Synonym für Depp. Als Koseform von Ignaz war Nazi weniger gebräuchlich als das noch kürzere Naz. Insgesamt betrachtet, hat der Name Ignaz in Bayern und Österreich seine große Zeit hinter sich. Auch berühmte Namensträger wie der heilige Ignatius von Loyola oder bayerische Prominente wie die Künstler Ignaz Günther, der Theologe Ignaz von Döllinger und der Politiker Ignaz Kiechle sind längst tot. Der Rapper Crack Ignaz aus Salzburg zählt zu den wenigen aktuellen Repräsentanten dieses Namens.“ 

Kein Wunder also, wenn der Name im deutschsprachigen Raum heute eher selten verwendet wird. Welche Eltern, außer denen von Johnny, nennen ihren Sprössling schon gerne „Depp“. Dagegen kann man dem heiligen Ignatius von Loyola, dem Gründer des Jesuitenordens, sicher viel nachsagen, aber kaum, dass er ein Depp war. Andererseits kann man sich aber durchaus fragen, was Kurt Tucholsky seinerzeit bewogen hat, sich das Pseudonym Ignaz Wrobel zu geben. Der war mit Sicherheit kein Depp und ganz bestimmt kein Nazi. Die Antwort gibt er selbst: 

„Wrobel – so hieß unser Rechenbuch;[13] und weil mir der Name Ignaz besonders häßlich erschien, kratzbürstig und ganz und gar abscheulich, beging ich diesen kleinen Akt der Selbstzerstörung und taufte so einen Bezirk meines Wesens.“ 

Nachdem wir diese wichtigen Fragen geklärt haben, stellt sich eine noch wichtigere Frage: Was soll das alles? 

Es geht um die Pervertierung von Begriffen. An anderer Stelle hatte ich die Wandlung der Qualifizierung des Begriffs „Idiot“ von der Bezeichnung für einen Privatmann, der in Ruhe gelassen werden will, zur heutigen Bedeutung betrachtet. „Nazi“ hat heute eine sehr üble Bedeutung, obwohl Träger dieses Spitznamens seinerzeit sicherlich überwiegend nette Leute waren. Auch Sozialismus war eigentlich eine schöne Sache, bevor der Begriff vielfach für weniger schöne Sachen missbraucht wurde. Merke: Nicht das Wort ist schlimm, sondern der Inhalt, der ihm gegeben wird. Die missbräuchliche Verwendung. 

 

Damit wären wir beim Begriff „woke“. Eigentlich ist das nur das Präteritum (Vergangenheitsform) von „wake“, erwachen. „Woke“ ist jemand, der aufgewacht ist. Aha! Wovon? Aus dem Schlaf? Aus der Unwissenheit? Wer kennt sie nicht, die Eckensteher mit den Zeitschriften „Erwachet“? Ist man „woke“, wenn man das Pamphlet gelesen hat? Mag sein. „Woke“ ist eine Art Joker. Wer glaubt, eine Erkenntnis zu besitzen, brüllt den Unwissenden an „AUFWACHEN!“. Nach vollzogener Erweckung ist der Delinquent nun „woke“. Ich traue mich, zu wetten, dass die Mehrheit der deutschsprachigen Benutzer des Wortes die eigentliche Bedeutung nicht versteht. Wohl auch, weil die eifrigen Verwender von Anglizismen kaum in der Lage wären, eine Unterhaltung in dieser „coolen“ Sprache zu führen. Ich habe mir gelegentlich den Spaß erlaubt, wenn jemand mit Anglizismen um sich warf, die Unterhaltung auf Englisch weiterzuführen. Sendepause! Böser Harald! 

Grundsätzlich ist es ja eine gute Sache, aufmerksam zu sein. Missstände zu erkennen. Der Begriff „woke“ oder „stay woke“ wurde ja ursprünglich verwendet, um Sauereien wie Rassismus und soziale Unterdrückung bewusst zu machen. Später wurde er erweitert um weitere Anliegen ins Blickfeld zu rücken. Es ist gut, wenn Minderheiten, Randgruppen und sogar Frauen die Rechte durchsetzen, die ihnen zweifelsfrei zustehen. Auch gut, wenn das unter einem griffigen Schlagwort zusammengefasst wird. Für mich wird es schwierig, wenn ich die Übersicht verliere. Jetzt gibt es Meldestellen, wo man Leute denunzieren kann, die sich gegen „gendern“ äußern oder gar „antifeministisch“ unterwegs sind. Seit Jahrzehnten sage ich meine Meinung „Mir ist es völlig egal, ob jemand schwul, bi-, tri- oder multisexuell, schwarz, rot, gelb oder kariert ist - Hauptsache, das wird nicht Pflicht!“ Jetzt muss ich mich in Acht nehmen, wenn ich Herrn Müller, den ich als Mann kenne und der sein Geschlecht geändert hat, versehentlich mit Herr Müller anrede. Damit verstoße ich gegen das „Offenbarungsverbot“ und riskiere ein Bußgeld bis zu 10.000 Euro. Sehr schön führt uns das ausgerechnet ein bekannter Neonazi (da isser wieder, der Nazi!) vor Augen. Dieser Widerling hat noch in 2022 queere Menschen als „Parasiten der Gesellschaft“ bezeichnet. Jetzt hat er sein Geschlecht ändern lassen, mit der offensichtlichen Absicht, jeden anzuzeigen, der ihn mit seinem früheren Geschlecht anredet. Er führt das Absurde ad absurdum. Wobei es dort doch schon ist … 

Auch interessant, die Verrenkungen in öffentlich rechtlichen „Sendeanstalten“ zu betrachten. Obwohl eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die Verballhornung der Sprache ablehnt, vermutet man bei manche*m*r Sprecher*in bedauerlichen Schluckauf, wenn von „Verkehrsteilnehmer*innen“, „Patient*innen“, „Studierenden“ usw. geredet wird. Entlarvt wird dieser Quatsch auch dadurch, dass kaum jemand es schafft, ihn wirklich konsequent durchzuhalten. Man bekommt Mitleid, wenn in einem Satz die „Polizist*innen“ gegen die „Demonstranten“ vorgehen und im nächsten Satz die Gastwirte zwar den Mangel an Köchen beklagen, sich aber über mehr Gäste freuen, auch wenn das Tourist*innen sind. Wer gibt diesen Leuten eigentlich das Recht, die Mehrheit der Gesellschaft zu tyrannisieren? Selbst der Schnellsprecherwettbewerb bei Arzneien wird zur Lachnummer: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Seit Ende 2023 ist der Satz neu formuliert. Nun muss es heißen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke.“ Bei Heilwässern muss es übrigens statt „die Packungsbeilage“ heißen „das Etikett“. Das haben sich nicht Heerscharen von Pharmawerbenden in schweißtreibenden Nachtkonferenzen monatelang erarbeitet, sondern das verlangt der §4, Absatz 3  „Gesetz über die Werbung auf dem Gebiete des Heilwesens“ (Heilmittelwerbegesetz - HWG). Man hat leider vergessen, zu sagen, wen ich in der Apotheke fragen soll. Doch nicht etwa die Putzmännin“? 

Zurück zur Wokeness! Wie so oft bei eigentlich guten Begriffen ruft die missbräuchliche Verwendung oder gar Pervertierung irgendwann Widerstand hervor. Plötzlich wird die eigentlich gute Absicht überdeckt durch völlig überzogene, sogar abgedrehte Bedeutungen. Annektiert durch Geistesgestörte oder bewusst provozierende „Aktivisten“(auch so ein Wort!), die (zer)stören wollen. Ja, es ist gut, wach zu sein! Vorgänge in Politik und Gesellschaft kritisch zu verfolgen und aktiv gegen Fehlentwicklungen vorzugehen. Ich behalte mir jedoch ausdrücklich vor, identifizierte Spinner weiterhin als solche zu bezeichnen. Damit scheine ich, ausweislich aktueller Wahlergebnisse und Entwicklungen, nicht allein zu sein. Schade nur, dass damit wirklich schlimmen Leuten der Weg bereitet wird.