Der falsche Beruf
Dieses Mal hat es wirklich lange gedauert, bis sich die Erkenntnis offenbarte. Etliche Jahrzehnte! Der/die geneigte Gelesenhabende meiner früheren Werke, auch auf meiner Homepage der-alte-wolff.net , weiß, dass meine berufliche Orientierung bis in die frühe Kindheit zurückreicht. So gut wie ausschließlich ausgelöst durch eigene Initiative. Einmal in meinem Leben jedoch wurde „das Arbeitsamt“, so hieß das damals, auch für mich tätig. Irgendwann 1977. Und das kam so:
Ich hatte mich ja freiwillig für 4 Jahre zum Dienst in der Bundeswehr verpflichtet. Dieser Dienst begann im Juli 1973 und sollte im Juni 1977 enden. Nachdem ich zuvor schon „fertiger“ Bankkaufmann gewesen war, hatte mich die Bundeswehr, Teilstreitkraft Luftwaffe, durch allerlei Ausbildungen, Weiterbildungen und Erfahrungen zu dem jungen Mann geformt, der in Kürze auf den zivilen Arbeitsmarkt drängen würde. Allein mit dem Dienstgrad „Leutnant“ konnte ich in dieser anspruchsvollen Umgebung sicher nicht punkten. Also schickte mich mein verantwortungsbewußter Dienstherr fürsorglich auf einen einwöchigen Lehrgang zur Vorbereitung auf das Leben in freier Wildbahn. Das ist absolut in Ordnung und nicht zu bemängeln. Dieser „Lehrgang“ wurde vom Arbeitsamt betreut und fand in einer Kaserne im Norden Münchens statt. Dort traf ich mit einer recht bunt zusammengewürfelten Gruppe NochOffiziere zusammen, die sich in Kürze ebenfalls beruflich neu aufstellen mussten. Überwiegend „12-Ender“, gestandene Hauptleute Anfang bis Mitte 30, Kurzläufer wie mich mit 26 und einige zwischen diesen Polen. Alle mit unterschiedlicher Ausbildung und Erfahrungen, aber keine „herkömmlichen“ Arbeitslosen.
Die ganze Sache war recht professionell organisiert. Es gab Vorträge von ehemaligen Offizieren, die den Sprung ins Zivilleben geschafft hatten und ihre Erfahrungen teilten, Gesprächs- und Fragerunden mit Berufsberatern und Arbeitsvermittlern. Dazu jede Menge Fort- und Weiterbildungsangebote. Im Kern eigentlich nur die. Irgendwann platzte einem der Hauptleute der Kragen: „Ich habe vor der Bundeswehr Werkzeugmacher gelernt, bei der Bundeswehr Maschinenbau studiert und während meiner Dienstzeit als Ingenieur praktisch gearbeitet. Als Vorgesetzter von über 100 Leuten. Jetzt will ich arbeiten, nicht noch einmal studieren!“ Ratlosigkeit bei den „Experten“. Sie hatten doch so schöne Angebote. Kurse, Lehrgänge, Studienangebote … Je nach Dienstzeit würde das Gehalt ja ohnehin noch zu 75 Prozent für 6 bis 36 Monate weitergezahlt. Bei der Qualifizierung könne man helfen, mit Jobs eher nicht. Es gab keinen Eklat, man war ja höflich, aber ein gewisser Frust auf beiden Seiten war unverkennbar.
Wieso komme ich gerade heute wieder darauf? Ein Buchautor hatte die Frage gestellt, ob die rund 80 Milliarden Euro, die in den letzten 10 Jahren für die nachträgliche Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen ausgegeben worden waren, nicht an anderer Stelle sinnvoller investiert gewesen wären. Beispielsweise in Grundschulen, damit deren Absolventen wenigstens lesen und schreiben können. Ich will hier nicht näher auf die sicher sehr differenziert zu betrachtenden Details eingehen. Mir jedenfalls war schon vor Jahrzehnten aufgefallen, dass die Unterbringung eines Arbeitssuchenden in einem Bildungsprogramm als Erfolg angesehen wurde. Wer wollte auch die Segnungen von Bildung bestreiten? Also gab es wenig Widerstand gegen die Kosten. Doppelte Kosten! Es mussten ja nicht nur die teuren Maßnahmen bezahlt werden, sondern auch der weitere Unterhalt des Delinquenten. Der war nun nicht mehr arbeitslos = schlecht, sondern in Fortbildung = gut. Aber raus aus der Arbeitslosenstatistik. Erfolg!
Geradezu kurios muten manche Bildungsangebote an, mit denen Langzeitarbeitslose fit für den Arbeitsmarkt gemacht werden sollen. So zitiert der Autor einen Bericht, wonach im Kursus „Pferdewirt“ an Holzpferden geübt wird. Es wird „Kaufmannsladen“ gespielt und „Präsenzunterricht“ online am eigenen Computer für tausende Euro abgerechnet. Dabei scheint es nicht so sehr auf den Bedarf des Arbeitsmarkts anzukommen, sondern auf möglichst leicht umzusetzende Bildungsangebote. Man darf sich schon fragen, warum die Suche nach entsprechenden Angeboten für „Fachverkäufer für Bäckerei oder Metzgerei“ null Ergebnisse bringt, wogegen „coach/coaching“ auf fast 170.000 Treffer stößt. Worin will jemand, der angeblich nicht ausreichend qualifiziert für irgendeinen Job ist, andere coachen? Ist es provokativ, zu vermuten, dass das teuer erkaufte Qualifizierungsprogramm der Bundesanstalt für Arbeit nichts mit den Bedürfnissen der Wirtschaft zu tun hat? Außer natürlich der florierenden „Qualifizierungsindustrie“. Wir hatten in unserem Bekanntenkreis eine erfahrene Journalistin, deren Redaktion (Radio Free Europe) nach jahrzehntelanger Arbeit aufgelöst wurde. Mit Anfang 60 in verändertem politischen Umfeld war ihre Qualifikation plötzlich nicht mehr gefragt. Für die Rente war es zu früh. Was bot man ihr also an? Computerkurse, um sich für eine Bürotätigkeit zu qualifizieren. Nach Abschluss der Umschulung wäre dann die Rente erreicht gewesen. Umschulung als Wartebereich. Kostet ja nichts!?
Kommen wir auf den Anfang zurück! Schon vor fast 50 Jahren habe ich die persönliche Erfahrung gemacht, dass die Berufsberatung des damaligen Arbeitsamtes nichts mit den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes zu tun hatte. Wie es den Anschein hat, ist es inzwischen nicht besser geworden. Nur teurer!