Musik zum Mitnehmen
Eigentlich sollte es mir ja peinlich sein - mein Vater war Berufsmusiker und spielte sein Leben lang die verschiedensten Instrumente. Mütterlicherseits gab es, aus der Haensch-Linie, etliche prominente Musiker und Komponisten. Nur ich war ein echter Musiklegastheniker. Ein Versuch meines Vaters, mir das Violinspielen beizubringen, endete in Frust und Enttäuschung. Wer meinen Vater kannte, der wusste um seinen extrem kurzen und dünnen Geduldsfaden. Ich hingegen brachte wenig Neigung auf, ein Instrument zu lernen, das sehr wenig mit meinen neu erwachten musikalischen Interessen zu tun hatte. So blieb ich eher passiv in der Musikszene. Das aber durchaus mit Interesse. Und elektrischem Strom.
In den 50er Jahren gab es in den meisten Familien eine Art Hausaltar, eine Musiktruhe. Ein richtiges Möbelstück mit eingebautem Radio und Plattenspieler. Dazu Platz für eine Anzahl Schallplatten. Manchmal war sogar noch eine Hausbar integriert. Bei mir fiel die Anschaffung etwa mit der Einschulung 1957 zusammen. Die ersten „Schallplatten“, die meine Eltern kauften, waren „Nabucco“ von Verdi und „Land der dunklen Wälder“, das Ostpreussenlied, das meine Mutter an ihre verlorene Heimat erinnerte. Ich selbst war nur passiv beteiligt. Mein Interesse an Musik begann irgendwann 1963, als plötzlich einige Klassenkameraden ihre Haare nach vorn kämmten, um es den Beatles gleichzutun, die mit ihrer neuen Art der Musik und des Auftretens ein neues Lebensgefühl bei Jugendlichen auslösten. Heute würde man „Hype“ sagen, der damalige Begriff „Hysterie“ war eher abwertend. Wer nicht dabei war, kann sich kaum vorstellen, welche Begeisterung, ja sogar Glücksgefühle, jedes neue Stück oder auch nur jede neue Nachricht über die Idole auslöste. Es gab sogar Postkarten mit Fotos, die gesammelt und stolz präsentiert wurden. Kurz - ich war plötzlich Beatles-Fan. Lassen wir mal alle anderen neuen Bands beiseite. Die Dave Clark Five, die Swinging Blue Jeans, die Searchers, die Merseybeats … Liverpool war die Hauptstadt der neuen Bewegung. Beat war der neue Sound. Während einige der Bands wie Gerry and the Pacemakers ihrer Heimatstadt treu blieben, zogen andere Gruppen in die Welt und brachten die neue Musik auch zu mir. Skiffle, Boogie Woogie, Rock´n Roll, Rhythm and Blues vermischten sich zu einem neuen Lebensgefühl. Obwohl die Rolling Stones gegenüber den „netten“ Beatles ein eher rebellisches Image pflegten, schrieben John Lennon und Paul McCartney den ersten Top 20 Hit der Stones, „I wanna be your Man“, für ihre Freunde. Als typisch für die neue Respektlosigkeit der Jugend mag folgendes Zitat von John Lennon bei einem Auftritt 1963 vor u.a. der königlichen Familie, gelten: „Für unser letztes Stück bitte ich Sie um Ihre Mithilfe: Könnten die Leute auf den billigen Plätzen mitklatschen? Und der Rest von Ihnen: Wenn Sie einfach mit den Juwelen rasseln!“
Für den kleinen Harald war das eine völlig neue Welt und die Schule trat neben seiner Erwerbstätigkeit einen weiteren Schritt zurück. Den ersten Film der Beatles „A Hard Day´s Night“, in Deutschland idiotisch „Yeah! Yeah! Yeah!“ betitelt, sah der kleine Harald mindestens fünf mal im Apollo Kino in Wilhelmshaven. Wie kam man auch sonst in den Genuss der geliebten Musik? Nicht nur Schallplatten waren teuer. Auch Plattenspieler. Außerdem waren die Geräte vorwiegend stationär. Erste batteriebetriebene Geräte sonderten furchtbare Geräusche ab. „Kofferradios“ hatten ihre Namen völlig zurecht. Außerdem war es eine Geduldssache, im Radio die gesuchte Musik zu finden. Oder überhaupt ein Radio zu haben.
Hier konnte mein Vater bei mir punkten! Als guter Gast in seiner Stammkneipe hatte er exklusiven Zugang zu einem Angebot der Kneipenwirtin. Sie erwog den Kauf eines neuen Radios für das „Kieler Eck“, ihre Kneipe. So bot sie ihr bewährtes „Körting“ Radio zum Kauf an. Für 30 DM. Mein Vater schlug zu und ich hatte ein eigenes Radio. Ein Holzkasten in der Größe einer noch zu erfindenden Mikrowelle. Braun, vorn im Bereich des Lautsprechers mit Stoff bespannt. Darunter eine beleuchtete Scala mit exotischen Sendernamen wie Monte Cenery, Hilversum, Kalundborg oder Beromünster. Links ein Drehknopf für die Lautstärke, rechts für die Senderwahl. Darunter Tasten für die Auswahl zwischen Kurzwelle, Mittelwelle und Langwelle. Die genaue Sendereinstellung war eine Kunst, die Anzeige gerade mal annähernd genau. Dabei war die Musik, die mich interessierte, auf den Sendern mit gutem Empfang, wie Radio Bremen oder NDR, eher selten zu hören. Interessanter war der AFN (American Forces Network). Leider schlecht zu empfangen. Besser kam BFBS (British Forces Broadcasting Service) aus Münster. Wir waren ja in der britischen Besatzungszone. Das war lange Zeit mein Stammsender. Durchaus auch förderlich für meine Englischkenntnisse. Allerdings musste ich warten, bis das jeweils angestrebte Musikstück zufällig kam. Oder zu festen Zeiten die „Top Twenty“ hören.
Musik auf Wunsch gab es gegen Bezahlung aus der Musikbox. Hier kommt die Italia Eisdiele im Nürnberger Haus an der Mühlenwegkreuzung ins Spiel. Die Musikbox dort war immer auf dem neuesten Stand. Für 50 Pfennig konnte man drei Titel auswählen, die dann über eine raffinierte Konstruktion aus einem Plattenkarussell auf den Plattenteller befördert und mit kräftigem Sound abgespielt wurden. Dort hielt ich mich nun öfter auf. So markante Titel wie „I feel fine“ oder „Day Tripper“ von den Beatles hörte ich dort zum ersten Mal. Später kam eine weiter Gaststätte in die engere Wahl, an der Schellingstraße hinter den Schulen. Dort gab es auch noch Flipperautomaten. Ein Spiel, das ich nicht nur liebte, sondern auch virtuos beherrschte.
Nun konnte und wollte ich natürlich nicht immer aus dem Haus gehen müssen, um „meine“ Musik zu hören. Ein weiterer großer Schritt bahnte sich mit meiner Konfirmation an. Mitte der 60er. Da gab es nämlich auch Geldgeschenke. Die und meine spärlichen Ersparnisse ermöglichten mir den Kauf eines Tonbandgeräts „Grundig TK 23“, eines Koffergeräts mit knapp 10 kg. Neupreis über 400 DM. Ich konnte es von einem Nachbarsohn gebraucht für 200 DM kaufen. Ein Spulentonbandgerät mit stundenlanger Aufnahmekapazität. Dieses konnte ich an mein Radio anschließen und die gewünschten Musikstücke aufnehmen. Ein Riesenfortschritt für mich. Allerdings musste man für die Aufnahme warten, bis das gewünschte Stück im Radio kam und dann reaktionsschnell die Aufnahmetasten bedienen. Man stelle sich die Begeisterung vor, wenn der Moderator das Stück ansagte und dann, kurz nach dem Beginn, noch einmal hineinquatschte. Nun war dann die Musik aufgenommen und man wollte das bestimmte Stück hören. Die waren allerdings alle hintereinander gespeichert. Um sie wiederzufinden, gab es ein Bandzählwerk. Wenn man die passende Position notiert hatte, ließ man per „schnellem“ Vor- oder Rücklauf das Band an die vermutete Stelle laufen. „Stop“ und dann „Wiedergabe“. War man dabei zu schnell, riß das Band gern einmal oder wickelte sich um eine Spule. Peng! Fummeln, kleben, einfädeln. Etwas Geschick gehörte schon dazu. Wer sagt, dass Musikgenuss einfach ist?
Den nächsten großen Sprung brachte die Compact Cassette. Ein Tonband in einem Plastikgehäuse. Nach einigem Durcheinander mit Systemen und Formaten setzte sich eine Kassette durch, die für viele Jahre den Standard prägte. Obwohl viel einfacher zu bedienen, handelte es sich letztlich um Tonbänder, die die Stücke hintereinander speicherten, reißen und sich verwickeln konnten. Immerhin waren diese Kassetten auch für transportable Geräte und sogar für den Betrieb im Auto geeignet. Sensationell! Allerdings stelle man sich die Temperaturschwankungen in einem Gerät vor, das in/unter dem Armaturenbrett montiert war. Bei Frost und praller Sonne. Mit Informationen, die in der Anordnung kleiner Magnetteilchen auf einem dünnen Plastikband bestanden. Einem Band, das auch noch an Schreib- und Leseköpfen entlanggezogen, schnell umgespult und abgebremst wurde. Es dauerte nicht sehr lange, bis, auch ohne „Bandsalat“, die Musik anfing, zu jaulen. Trotz all dieser Unzulänglichkeiten war dieses System der Durchbruch bei mobiler Musik. Wir erinnern uns an den legendären Walkman von Sony, der es ermöglichte, das Abspielgerät in die Tasche zu stecken und mittels Ohrhörer unterwegs Musik zu hören. Sogar beim Joggen und anderen Aktivitäten. Rund 30 Jahre lang waren derartige Geräte mit unterschiedlichen Speicher-, Aufnahme- und Kompressionsverfahren der Standard für mobilen Musikgenuss.
Zunächst war allen Systemen, mit denen man Tonträger selbst aufnehmen konnte, die magnetische Speicherung gemeinsam. In den 80er Jahren begann dann die Zeit der optischen Speicherung mit CDs und DVDs. Denen war die größere Speicherkapazität und einfache Handhabung gemeinsam. Die erheblich größere Kapazität der DVDs erlaubte sogar die Speicherung von Videos auf einer einzigen Scheibe. In guter Qualität. Eine parallele Entwicklung gab es bei den Speichermedien für Computer. Wer einmal ein Windows-Betriebssystem mit rund 15 Magnetdisketten installiert hat, kann die Erleichterung nachvollziehen, als das plötzlich mit einer einzigen DVD möglich war. Für die aktuelle Windows-Version wären übrigens über 4.000 „Floppy Disks“ nötig.
So, jetzt, Anfang der 90er, sind wir in der Neuzeit angekommen und sammeln unsere Musik per CD/DVD. Digital. Gekauft oder selbst aufgenommen. Beliebtes Zubehör in Autos sind CD-Wechsler, die irgendwo im Kofferraum oder unter dem Sitz eingebaut werden und selbst größere Musiksammlungen mobil machen. Diesen Fortschritt habe ich übersprungen, weil ich es für einfacher hielt, die CDs von Hand zu wechseln, als im Auto herumzukriechen, um den CD-Wechsler zu bestücken. Hinzu kommt, dass auch diese Errungenschaft schon bald wieder vom Fortschritt überholt war. Die Festplatten wurden immer kleiner und boten vergleichsweise noch mehr Speicherkapazität. Nun konnte man seine CDs auf die Festplatte kopieren, die im Auto fest verbaut war. Die Festplatte konnte dazu auch das Kartenmaterial für das Navigationssystem aufnehmen, das sich immer mehr durchsetzte.
Überspringen wir die Verbesserung der Festplatten, Flash-Speicher, USB-Sticks und SD-Karten. Das ist ja alles noch recht frisch. Wenn ich heute in mein betagtes Auto, immerhin 13 Jahre alt, einsteige, dann spielt mein Autoradio die Playlist, die ich auf meinem iPhone ausgewählt habe, sobald ich die Zündung anschalte. Ja, doch, in Mietwagen konnte ich sogar schon per CarPlay mein Handy komplett integrieren. Immerhin bin ich aber nicht ausschließlich auf Streaming angewiesen. Auf meinem iPhone habe ich mehr als 8.000 Titel offline gespeichert, die ich irgendwann gekauft oder von der CD übertragen hatte. Man weiß ja nie, ob es immer eine stabile Verbindung zum streamen gibt. Vom Speicherplatz her ist das mittlerweile ein Klacks. Wenn ich da so an meine ersten Vinylplatten zurückdenke …