Mittendrin statt nur dabei
Mehr als 30 Jahre nach der friedlichen Revolution in der DDR und der „Wende“ verblasst die Erinnerung immer mehr. Was hatte zu den Protesten geführt? Was hatten die Leute gewollt? Wenn wir heute die DDR-Nostalgiker hören, muss es doch richtig toll gewesen sein. Alle hatten Arbeit, Wohnraum war billig. Kinder hatten ihre Krippen, die sozialistischen Brüder aus der Sowjetunion sorgten für Frieden. Bautzener Senf, Spreewaldgurken, Broiler und Soljanka schmeichelten dem Gaumen. Ach, war das alles schön damals!
Ja, schön war das. So schön, dass Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 begeistert ausrief „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Sie wurde dann ja auch erst am 13. August 1961 errichtet. Knapp zwei Monate später. Wahrscheinlich hatte er sogar an diese Aussage geglaubt. Aber im Schnitt hatten bis dahin rund 300 Menschen pro Tag das „Paradies“ verlassen. Bis 1960 waren es schon fast 3 Millionen. Im Sommer 1961 spitzte sich die Situation zu. Im Juli waren es ca. 1.000 täglich und allein vom 1. bis 13. August waren es 47.000, über 3.500 pro Tag! Wenn die Funktionäre und ihre Helfer nicht allein im „Arbeiter- und Bauernstaat“ bleiben wollten, musste man die Abwanderung verhindern. Da die sozialistischen Wohltaten nicht ausreichten, brauchte es bessere „Argumente“, mehr Überzeugungskraft. Zur „Friedenssicherung“ wurde „eingefriedet“, umzäunt, ummauert. Mit bewaffneten Wachen, die den Befehl hatten, scharf zu schießen. Auf Ausbrecher, „Republikflüchtlinge“. Eindringlinge waren dagegen sehr selten. Man sprach auch von „Abstimmung mit den Füßen“, eben Demokratie. Passte ja irgendwie für die „Deutsche Demokratische Republik“. Was macht man, damit die Hühner nicht weglaufen? Man zäunt den Hühnerhof ein. So geschah es dann auch mit den Menschen in der DDR. Einge“friedet“, sicher verwahrt.
Der kleine Wolff war dabei. Nicht aktiv, nicht als Politiker, Historiker oder sonstwie berufsschlau. Einfach ein kleiner Junge, kurz zuvor, am 16. Februar 1961 zarte 10 Jahre alt geworden. Übrigens genau am Tag der großen Sturmflut an der Nordseeküste, als meine Geburtstagsfeier buchstäblich ins Wasser gefallen und mein Vater als Marinesoldat im Hilfseinsatz war. Die eigenen Erlebnisse, vorher, während und nachher, sind nicht weltbewegend oder irgendwie bedeutend. Dafür aber authentisch, selbst erlebt. Auf beiden Seiten der Grenze. Meine Reisetätigkeit „zwischen den Welten“ endete vorerst im Jahr 1963, als meine Großeltern altersbedingt ihren Wert für den real existierenden Sozialismus verloren hatten und in den Westen ausreisen konnten. Die Rente konnten dann ruhig die bösen Kapitalisten zahlen.
Später war der große Wolff wieder dabei. Viele Jahre hatte er sich einfach nicht dafür interessiert, was im anderen Teil Deutschlands los war. Die Großeltern waren im Westen. Die verbliebenen Ostverwandten kannte er nicht oder kaum. Dann kam der 9. November 1989. Zufällig hatte ich geschäftlich in Wilhelmshaven zu tun und nutzte die Gelegenheit, den Abend bei meiner Mutter zu verbringen. Mein Vater war einige Monate zuvor mit 67 Jahren gestorben, 7 Jahr jünger als ich heute bin. Gemeinsam mit meiner Mutter erlebte ich staunend vor dem Fernseher, wie sich Geschichte ereignete. Für mich schloss sich ein Kreis. Sehr emotional. Ich hatte erlebt, wie die Mauer gebaut wurde und erlebte nun, wie sie fiel. Ca. zwei Jahre später hatte ich einige berufliche Aktivitäten in Sachsen und Thüringen. Ich war zu Gast bei Familien. Besuchte Wohnungen, sprach mit Leuten, die nur in der DDR gelebt hatten. Ging in Behörden ein und aus. Erlebte die Anstrengungen, sich in der neuen Welt zurechtzufinden. Erlag ebenfalls vielen Irrtümern im Umgang mit der Wende.
Im Unterschied zu dem, was ich selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen habe, kann ich die Folgen im Inneren der Menschen nur mittelbar beurteilen. Was macht es mit Menschen, wenn sie nie „über den Tellerrand“ schauen können, nie auf die andere Seite reisen, nie etwas anderes sehen und hören als das, was ihnen, professionell aufbereitet, gezielt eingetrichtert wird? „Stockholm-Syndrom hoch drei?“ Als Kind fand ich die unzähligen Transparente mit Parolen zur friedliebenden Sowjetunion, dem Sieg des Sozialismus und dem Untergang des Kapitalismus eher lächerlich. Folklore, riesige Spruchbänder. Gefühlt an jedem Brückengeländer, jeder freien Wand. Ich machte mir keine tiefschürfenden Gedanken darüber. Im Unterschied zu meinen Altersgenossen war ich ja nicht im System gefangen und kehrte regelmäßig auf die andere Seite zuzrück. Wer heute in meinem Alter ist, war immerhin rund 40 Jahre lang intensiv beackert worden. Erziehung war ja schwerpunktmäßig Gesellschaftsthema. Schon im Kinderhort, der Schule, bei den jungen Pionieren, im Betrieb. Vermittelt durch Vertrauenspersonen, meist sicher im guten Glauben. Abgesichert durch allgegenwärtige Spitzel, sogar innerhalb der Familie.
Für Menschen, denen die Unterdrückung und Indoktrination bewusst war, sah vielleicht die gefühlte Freiheit im Westen besonders erstrebenswert aus. Weil sie merkten, dass sie von ihrer „Obrigkeit“ systematisch belogen worden waren, idealisierten sie die andere Seite. Was aber blieb, war ein tief verwurzeltes Misstrauen gegen Obrigkeiten. Hinzu kommt, dass ja nicht jeder bereit oder in der Lage ist, sich wirklich qualifiziert zu informieren. In der Verwirrung sucht man sich Orientierung. Möglichst klar und einfach. Das ist der Auftritt für die Leute mit den einfachen Lösungen. Deren Vorteil ist ja, dass sie nicht liefern müssen. Denen genügen Parolen und Forderungen. Im Unterschied zu denen müssen die handelnden Personen ihre Aufgaben tatsächlich erfüllen. Mit allen Schwierigkeiten. Finanzierung, Umsetzung, Mehrheiten. Angesichts dieser Herausforderungen zu überzeugen ist schwer genug. Wenn man den „Leuten mit den einfachen Lösungen“ dann aber versucht, genau damit zu begegnen, nämlich sie einfach nur als böse und undemokratisch zu verteufeln, statt sie mit Leistung zu entlarven, dann ist man in die Falle gegangen.
Ich will hier versuchen, meinen Blick aus beiden Richtungen auf einzelne Themen zu richten und dabei die persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen einbringen. Um diesen Text nicht zu überfrachten, soll es damit erst einmal genug sein. Ich werde in weiteren Berichten sicher noch mehrfach aus verschiedenen Blickwinkeln auf den Themenkreis eingehen.