Lieber Herbert, (1)

vielen Dank für Deine unermüdlichen Bemühungen, mir Deine Sicht der Welt zu erklären. Ich weiß, dass das aus guter Absicht geschieht und Du von Deinen Erkenntnissen überzeugt bist. Deshalb denke ich auch, dass Du eine Begründung für meine spröde Haltung dazu verdienst. Das hat natürlich mit mir und meiner Erfahrungswelt zu tun. Hier also einige Infos dazu: 

In der Zeit, die man heute Vorschulalter nennt, war ich sehr oft und lange bei meinen Großeltern in Birkenwerder bei Ostberlin.  Weil beide Eltern arbeiteten, wurde ich in der Zwischenzeit immer wieder bei anderen Familien geparkt. Aus Freundschaft oder gegen Bezahlung. Weil ich auch sehr viel allein zu Hause war und meine Märchen endlich selbst zu Ende lesen wollte, war ich nach der Einschulung mit knapp 6 Jahren begierig, lesen zu lernen und tat dies auch. Endlich konnte ich meine Märchen selbst zu Ende lesen. Bald wurde ich Mitglied bei der Stadtbücherei, die eine Filiale in der Nähe hatte. Jede Woche holte ich mir fünf oder sechs Bücher. Später achtete ich darauf, dass sie möglichst dick waren, mit dünnem Papier und kleiner Schrift. So hatte ich mehr davon. Ich las Abenteuerromane, Entdeckergeschichten, Western, Krimis - was mir in die Finger kam. Als Siebenjähriger wusste ich, wo Saigon und Pnom Penh lag und, dass der Amerikaner immer der siegreiche Held war. Lange, bevor die Amerikaner nach Vietnam kamen. Ich durchstreifte die Tempelbezirke von Angkor Wat und Angkor Thom, erlebte die Abenteuer des Chinesenjungen Yen im Shanghai des Jahres 1941, begleitete James Cook auf seinen Reisen in die Südsee, Hernando de Soto auf seiner Expedition im Süden Nordamerikas und fühlte mit Fletcher Christian bei den Ereignissen, die zur Meuterei auf der Bounty führten. Lesen ist für mich immer Entspannung und Erholung gewesen. Ich habe in mehr als 60 Jahren seitdem tausende von Büchern gelesen. Nicht immer hochwertige Literatur, auch viel Unterhaltung und „Schund“, wie meine Mutter gern zu sagen pflegte. Wenn mich allerdings ein Thema interessierte, holte ich mir jedes Buch, in dem etwas dazu zu finden war. Manchmal vergrub ich mich tagelang in der Stadtbücherei. Man sagt mir heute eine gewisse Allgemeinbildung und einen recht geübten Umgang mit der deutschen Sprache nach. 

 

Nach der Einschulung verbrachte ich ausnahmslos jede Ferien bei meinen Großeltern. Mein Großvater ging tagsüber zur Arbeit und der ständige Kontakt mit meiner Großmutter war für den aufmüpfigen Knaben nicht das ultimativ spannende Erlebnis. Deshalb war ich fast immer draußen und verbrachte die Zeit hauptsächlich mit zwei Freunden, Michael (genannt „der Lauser“) und Raini. Michaels Eltern waren Parteimitglieder und stramme Kommunisten, während Raini allein mit seiner Mutter war, die dem System eher zurückhaltend gegenüber stand. Anfangs war das kein Problem, später versuchte vorwiegend Michael, mich über die Schandtaten der „Bonner Ultras“ aufzuklären. In den Sommerferien gab es die „Ferienspiele“, an denen beide teilnahmen. Ich auch. Das waren Freizeitaktivitäten, von der Schule organisiert und von der NVA  großzügig unterstützt. So fanden z.B. alle Ausflüge auf der Ladefläche von Militär-LKWs statt, auch Besuche in der Kaserne mit der Möglichkeit, den Hindernisparcours zu bewältigen und mit der Kalaschnikow und Leuchtpistole zu schießen und Übungshandgranaten zu werfen. Wenn man erfuhr, dass ich aus dem Westen war, bekam ich besondere Zuwendung und lernte, dass es mir im Westen schlecht ging und die Amerikaner und westdeutschen Politiker schlechte Menschen waren. Ich ging dann ja immer wieder zurück in den Westen und musste das Elend selbst erleben. Auch als die Mauer im August 1961 gebaut wurde, war ich gerade im Osten. Ich erinnere mich an die gespenstische Erfahrung, dass in der Nachbarschaft meiner Großeltern immer mehr Häuser und Wohnungen plötzlich leer standen, weil die Bewohner „abgehauen“ waren. Aus dem „Paradies“. Ebenfalls beeindruckte mich immer wieder die Beobachtung, dass plötzlich sämtliche Gespräche, z.B. in der S-Bahn, verstummten, wenn eine Streife der russischen Freunde auftauchte. Gefürchtete Freunde. Bei Kontrollen wurden dann ja auch meine politisch sehr verdächtigen Micky Mouse und Fix und Foxi Hefte beschlagnahmt. Als ich etwa 13 Jahre alt war, durften meine Großeltern ausreisen, weil sie als Rentner (mein Opa wurde mit 73 Jahren Rentner) im Arbeiter- und Bauernparadies nicht mehr willkommen waren. Meine nächsten Sommerferien verbrachte ich im CVJM-Zeltlager in Wildflecken in der Rhön. Dort hatte ein sehr engagierter Pfarrer (der später Monika und mich getraut hat) ein respektables Feriendorf aufgebaut. Mit Bundeswehrzelten, Bundeswehrfeldküche und weiteren Leihgaben der Bundeswehr, allerdings ohne deren Besuche oder Beeinflussungsversuche. Besuche bekamen wir allerdings immer wieder von amerikanischen GIs vom nahegelegenen Truppenübungsplatz. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die politisch unterwegs waren. Einfach nette Jungs. Mir machte das Spaß, weil ich recht gut Englisch sprechen und auch Zigaretten schnorren konnte. Wir haben über alles Mögliche geredet, nur nicht über Politik. Genug aus der Kindheit! 

 

Ende der 80er hatte ich einige Bauträgerobjekte realisiert und eine Reihe Wohnungen zu vermarkten. Dabei war mir eine Gruppe aus dem Raum München/Landsberg behilflich. Der Anführer dieser Gruppe bemühte sich sehr intensiv, mir seine Weltsicht zu vermitteln. Er wusste viel über die Machenschaften der FED, kannte sich mit dem Deep State und den Illuminati aus und war beeindruckt von den Geheimnissen geheimer Mächte. Einer seiner Mitstreiter ging die Sache von der astrologisch-esoterischen Seite an und informierte mich über die Unausweichlichkeit bestimmter Ereignisse. Als dieser in Schwierigkeiten geriet, weil das einzige unausweichliche Ereignis seine eigene Pleite war, half ich ihm mit Geld und einem Auto aus und er revanchierte sich mit einer Einladung in das Haus einer Freundin in der Gegend von Biarriz, wo er Unterschlupf gefunden hatte und ich mit Monika einige Tage im Februar 1995 verbrachte. Bei dieser Gelegenheit zeigte er mir den Stammsitz der Prieure de Sion und ich lernte ein weiteres Mal, dass ich ein ahnungsloses Lämmchen bin. Überhaupt war die Zeit um die Wende interessant. Angeregt durch die Bekannten und den Umstand, dass angeblich Nostradamus die Wende vorausgesagt hatte, besorgte ich mir über Jahre hinweg unzählige Bücher zu allen möglichen Themen in diesen Zusammenhängen. Aus allen Blickwinkeln. Mehrere Regalmeter, die ich alle mit Interesse las. 

 

Um 1990 herum moderierte ich einige Seminare zu Baufinanzierung, Abschreibung usw. im Raum Stuttgart. Eines Abends schlenderte ich gelangweilt allein durch die Stuttgarter Innenstadt und überlegte, ob ich wohl ins Kino oder auf das eine oder andere Bier in eine Kneipe gehen sollte. In der Fußgängerzone sprach mich jemand an, ob ich Interesse an einem Psychotest hätte und, gelangweilt wie ich war, hatte ich. Der Test war zwar enorm umfangreich, aber für mich trotz künstlichen Zeitdrucks recht durchschaubar. Man erinnere sich, dass ich schnell lese und ein gutes Kurzzeitgedächtnis habe. Deshalb waren auch die versteckten Kontrollfragen recht leicht zu bemerken. Nach der Auswertung versuchte man nicht erst, mir eine Psychotherapie zu verpassen, wie Scientologen es ja gern tun, sondern bot mir Personaldienstleistungen an. Trotz meines Desinteresses verfolgte man mich monatelang derart penetrant mit derartigen Offerten, dass ich irgendwann meine Höflichkeit ablegte und der Zecke Prügel androhte. Dann war oberflächlich Ruhe. Ich geriet später erneut mit dem Verein aneinander, als ich Seminare in den neuen Bundesländern abhielt. Mir fielen auch bei einer Reihe von Veranstaltungen von Strukturvertrieben, die ich zur Abwechslung immer wieder gern besuchte, ähnliche Muster auf, die auf Ausbildung durch Scientology schließen ließen. Interessant fand ich auch eine Beobachtung, die ich auf meinen Hundespaziergängen um den Arabellapark in München machte. Dort war offenbar eine Niederlassung von Securitas und es parkten -zig Auto der Firma an der Straße. Ich fragte mich, warum die alle Kennzeichen mit M-RH … hatten. Verehrung für Ron Hubbard? Nur mal so gedacht. 

 

Nach der Wende tauchte auch ein neues Finanzuniversum auf. Plötzlich bekam ich von allen Seiten Anfragen und Offerten zu Finanzprodukten, die auch mit geheimen Aktionen der FED zu tun hatten. Zum Glück gab es immer jemanden, der jemanden kannte, der zu den 10 Menschen auf der Welt gehörte, die Zugang zu diesen einzigartigen Geldmaschinen hatten. U.a. einen Steuerberater, der im Umfeld der Mitarbeiter von Elektronikfirmen im Raum München recht erfolgreich war. Monika arbeitete bei einer dieser Gesellschaften. Deshalb fragten mich viele ihrer Kollegen um Rat und einer schleppte mich zu diesem Steuerberater. Dieser hatte Zugang zu höchsten Finanzkreisen und erklärte mir die wundersame Geldvermehrung durch SLCs, Standby Letters of Credit. Die gibt es zwar nicht, aber drumherum gibt es ein ganzes Universum von Fake-Veröffentlichungen, Expertisen, Referenzen und sogar eine Sonderausgabe der Zeitschrift „Mein Geld“. Mit Angeboten aus dieser Richtung wurde ich geradezu bombardiert. Auch von einigen Leuten, die ich lange kannte und als vernünftig eingeschätzt hatte. Der Steuerberater warf mich recht schroff hinaus, nachdem ich seine Expertise angezweifelt und sein Angebot zerpflückt hatte. Er wurde übrigens Jahre später zu 8,5 Jahren verurteilt. Unter anderem, weil er einen Nachbarn von mir um mehr als eine halbe Million DM geprellt und ihn damit um seinen Lebenstraum gebracht hatte. Ich machte mir ein Hobby daraus, reagierte auf Inserate, sammelte die Angebote und erkannte bestimmte Muster darin. Irgendwann hatte ich einen Stapel von fast einem halben Meter in meinem Schrank. Lustig war es, als ich in Denia von einer Kundin auf ein solches Angebot angesprochen wurde und aus diesem Stapel ein identisches Angebot fischte, das mir Jahre zuvor im Raum Rosenheim vorgelegt worden war. 

 

In den frühen 2000ern gab es einen österreichischen Kriminalpolizisten, Dr. Manfred Glinig, der sich einen Namen im Zusammenhang mit der Untersuchung internationalen Finanzbetrugs gemacht hatte und dessen entsprechendes Buch in mehrfacher Auflage ein Standardwerk zu dem Thema war. Weil ich mich mit den Themen befasste, bat ich ihn um Infos. Wir standen dann in regem gegenseitigen Austausch und ich bekam von ihm Zugang zu Recherchen, die damals sonst für mich nicht erreichbar waren. Auch zu Handelsregistern in Oregon und Delaware. Durch seine Vermittlung konnte ich mit US-Ermittlern chatten und Fragen zu bestimmten Leuten und Organisationen stellen. So fand ich auch heraus, dass die „Schweizerische Sparkasse Amsterdam“ in Wirklichkeit die Niederlassung einer Oregon Corporation war, die mit einer Bank absolut nichts zu tun hatte. Ein Herr Hammerschmidt hatte an der Costa Blanca Finanzprodukte dieses Instituts verkauft und war überhaupt nicht amused, dass ich den Betrug öffentlich anprangerte. Ähnlich verärgert war auch der Herr Dubinin, der an der Costa Blanca Kassenobligationen der „Bank Leon Negocios” mit Erfolg vermarktete, als ich nachwies, dass die „Londoner Bank” die mit Hunderten weiteren Gesellschaften in einem Büroservice residierte, ein Ableger einer Fake-Bank aus Montenegro war, wo man für damals 12.000 US$ und Vorlage einer Passkopie per Fax eine „Bank” gründen konnte. Er war auch so geschickt gewesen, als Empfehlungsgeber einen „Verband der Versicherten und Kapitalanleger” zu erfinden. Es kostete mich nur etwas Mühe, herauszufinden, dass seine Homepage und die des Verbandes den gleichen Ursprung hatten. Dubinin wohnt heute noch in Denia und ist nicht gut auf mich zu sprechen. 

 

Ja, auch ich glaube, dass die internationale „legale” Finanzwelt nicht sauber ist und schwierige Zeiten auf uns zukommen. Ja, auch ich glaube, dass es Strippenzieher im Hintergrund der Weltwirtschaft und der „großen” Politik gibt, die keine gemeinnützigen Ziele haben. Ja, auch ich glaube, dass die USA weder eine Insel der Seligen noch ein Hort von Anstand und Nächstenliebe sind. Aber ich bin der kleine Harald, noch 71 Jahre alt, der in diesem restlichen Leben sehr wahrscheinlich weder Bundeskanzler noch Revolutionär werden wird. Ich bin weder gutgläubig noch naiv und glaube durchaus, Zusammenhänge erkennen zu können. Soweit ich direkt betroffen bin und etwas bewirken kann, werde ich das auf meine Weise tun. Ansonsten bemühe ich mich, keinen Schaden anzurichten und den winzigen Teil der Welt, den ich beeinflussen kann, zu verbessern. Indem ich z.B. Müll trenne, Wasser spare und selten hupe, wenn mir eine Trantüte vor den Karren fährt. Das letzte große Ziel ist es, Solvida fit für die Zukunft zu machen und meine Nachfolger gründlich einzuarbeiten. Mehr ist von mir nicht mehr zu erwarten! 

 

Jegliche Weltverschwörung sollen andere Leute aufklären! Mir ist das zu mühsam. 


Der liebe Herbert versuchte, bei einer weiteren Begegnung erneut, den dummen kleinen Harald über die großen Zusammenhänge aufzuklären. Es gelang ihm nicht in vollem Umfang und führte zu meinen weiteren Ausführungen.