Rettung und Umwelt

Je älter man wird, desto weiter kann man zurückblicken und Entwicklungen rekapitulieren. Nehmen wir mal das Jahr 1969. Wem ist klar, dass das ein ganz besonders Jahr war? Nicht nur, dass ich 18 wurde und damit am 21. Februar 1969, fünf Tage nach meinem Geburtstag, den lange ersehnten Führerschein ausgehändigt bekam. Intel erfand 1969 den Mikrochip, dem eine große Karriere beschieden war, die damals noch in den Sternen lag. Und weil wir schon einmal da oben sind, sei auch die erste Mondlandung erwähnt, die ebenfalls in diesem Jahr stattfand. Das war, wie wir erfahren durften, „ein großer Schritt für die Menschheit“. Ebenfalls ein großer Schritt war mein Eintritt in das hochoffizielle Berufsleben als Sparkassenlehrling. Ein anderes Ereignis löste ebenfalls große Folgen aus: Der kleine Björn Steiger, 8 Jahre jung, wurde von einem Auto angefahren und starb auf dem Weg ins Krankenhaus, weil der Rettungsdienst erst nach fast einer Stunde eintraf. Ursache war die damals desolate Organisation und Ausstattung der Rettungsdienste. Nach dieser vermeidbaren Tragödie widmeten die Eltern des Jungen ihr weiteres Leben der Verhinderung solcher furchtbaren Ereignisse. Sie gründeten die „Björn Steiger Stiftung“, die in der Folgezeit maßgebliche Pionierarbeit im Rettungswesen leistete. Sie stieß eine einheitliche Organisation der Notrufe an, initiierte die Ausrüstung der Rettungsdienste mit Funkgeräten (Zitat: „1969 kostete ein Funkgerät mehr als ein Krankenwagen“), installierte ein Netz von Notrufsäulen, gründete die Deutsche Rettungsflugwacht usw. Wer sich interessiert, kann hier mehr lesen: https://www.steiger-stiftung.de/wer-wir-sind/unsere-geschichte/historische-meilensteine/

 

Warum fühle ich mich kompetent, dazu etwas sagen zu können? Weil ich viele Erlebnisse damit hatte.

1969 hatte ich ja gerade den Führerschein erworben und benutzte ihn, wann und wo immer ich konnte. So auch zu Überführungsfahrten für eine Autovermietung. Eines Abends führen ein Freund und ich mit zwei VW Käfern von Bremen nach Wilhelmshaven. So schnell es die Autos hergaben, maximal etwa 120 km/h. Jung und unbekümmert. Auf der Bundesstraße, damals noch ohne Geschindigkeitsbegrenzung. Stockfinster, schlechte Sicht. Plötzlich bremste mein Freund aus voller Fahrt so scharf, dass ich zu tun hatte, nicht hinten aufzufahren. Vor uns hatte sich ein schrecklicher Unfall ereignet. Ein Mercedes war bei einem Überholversuch frontal mit einem Volvo zusammengestoßen. Der Volvo hatte sich überschlagen, lag auf dem toten Fahrer, im Auto schrieen  Kinder. Der Fahrer des Mercedes „saß“ im Fußraum des Autos mit dem Motor unter dem Arm und röchelte. Ein Horrorszenario. Brandgefährlich, nachts in einer Kurve. Mein Freund nahm das Warndreieck aus seinem Auto und rannte in Fahrtrichtung, um die Unfallstelle abzusichern. Ich tat das gleiche in anderer Richtung. Den Fahrer des ersten ankommenden Autos bat ich, umzukehren, zum nächsten Telefon zu fahren und Polizei und Rettungsdienste anzurufen. Die nachfolgenden Fahrer bat ich, sich weiter um die Absicherung zu kümmern. Warnblinkanlage? Nix da. Erst verboten, dann Pflicht. Jahre später. Gefühlt nach Ewigkeiten kamen die ersten mehr oder weniger professionellen Helfer. Ich war erschüttert, als ich sah, wie der schwerstverletzte Fahrer des Mercedes auf eine Pritsche in einem VW-Bus gelegt wurde und dessen Fahrer allein mit ihm losfuhr. Ohne Begleitung oder den Verletzten auch nur auf der Liege zu sichern! Der verstarb während des Transportes. Ich weiß das, weil er, wie ich später erfuhr, Kunde bei der Tankstelle war, an der ich jobbte und für die ich die Fahrt machte. An der Unfallstelle hatte ihn nicht erkannt. 

 

Neben diesen Überführungsfahrten fuhr ich zunächst noch Minicar. Aufgrund einer Übergangsregelung bekam ich kurz darauf schon mit 18 den „Taxischein“, den es eigentlich erst ab 21 gab. Nun fuhr ich Taxi. Zuerst nur von Wilhelmshaven aus, dann auch in einem Vorort, Sande, wo der Unternehmer aus Wilhelmshaven ein Taxiunternehmen gekauft hatte. Dazu gehörte ebenfalls ein Krankentransportunternehmen und ein Bestattungsinstitut. Wir sprachen scherzhaft vom „Service aus einer Hand“. Eines Tages stand ich mit meinem Taxi vor dem Bahnhof in Sande und hypnotisierte die wenigen Fahrgäste, die heraustraten, in der Hoffnung, eine lukrative Tour zu ergattern. Plötzlich erwachte mein Funkgerät „Wagen 2, Du musst sofort zur scharfen Ecke fahren. Dort triffst Du Bernd mit dem Krankenwagen. Du musst den Wagen fahren!“. „Ich habe doch keine Ahnung!“ „Kein Problem, Bernd kennt sich aus, Du musst nur fahren.“ Wenige Minuten später parkte ich mein Taxi am Rand der Bundesstraße, dem verabredeten Treffpunkt, und hörte schon das Martinshorn. Ich stieg zu, übernahm das Steuer und weiter ging es zu einem Notfall. Dort übernahm Bernd die Führung. Ich fasste nur mit an, einen hilflosen alten Mann auf die Trage und diese in den Wagen zu hieven. Ab zum Landeskrankenhaus Sanderbusch. Nach gut einer Stunde saß ich wieder in meinem Taxi. Alles kein Problem. Gut improvisiert. 

 

Die Situation im Rettungsdienst war zu dieser Zeit in dieser Gegend sehr eigenartig. Das rote Kreuz unterhielt eine Rettungsstation mit ehrenamtlichen Helfern, Zivildienstleistenden und einem alten VW-Bus. Unser Unternehmer hatte tatsächlich Ambitionen, einen ordentlichen Rettungsdienst aufzuziehen, stand aber in harter Konkurrenz zu den öffentlichen Wettbewerbern. Er kaufte ein „Medimobil“, einen hochmodernen Mercedes-Kastenwagen mit der besten damals möglichen Notarztausstattung. Weil ein ständiger Notarzt nicht bezahlbar war, traf er eine Vereinbarung mit Ärzten des Krankenhauses: Bei einem Notfall, von dem seine Leute meistens zuerst durch halblegales Abhören des Polizeifunks erfuhren, riefen sie im Krankenhaus an, ein Arzt lief zur Pforte, der Notarztwagen nahm ihn auf und los ging es. Manchmal kam es zur Wettfahrt zwischen den Wagen vom roten Kreuz und dem privaten Unternehmen. Eine Leitstelle gab es noch nicht. Wer zuerst an der Unfallstelle ankam, hatte die Tour und den Umsatz. Über den Ärger, den er deshalb mit den Behörden hatte, rede ich hier nicht. Letztlich gab der (Rettungs)Erfolg ihm recht. Ich erlebte ihn als schrägen Typen mit manchmal eigenwilligen Methoden. Im Rettungsdienst aber war er ein Pionier, dem viele Menschen Leben und Gesundheit verdankten. 

 

So auch der Pächter der Tankstelle, mit der ich nun schon jahrelang nebenberuflich verbunden war. Dieser Schlingel hatte seine „Sekretärin“ abgeholt, um mit ihr fernab von seiner Ehefrau entspannte Stunden zu verbringen. So fuhr er mit seinem Opel Diplomat V8 über die Landstraße und übersah an einem unbeschrankten Bahnübergang das Blinklicht. Es gab später einen jahrelangen Rechtsstreit, ob dieses Blinklicht tatsächlich aktiviert und sichtbar war. Jedenfalls faltete ein Regionalzug das schöne Auto zusammen und schleifte es weit mit. Er und seine Begleiterin waren eingeklemmt und schwer verletzt. Dieses Mal traf das DRK zuerst ein, konnte aber nichts machen „Wir müssen die Berufsfeuerwehr aus Wilhelmshaven kommen lassen, um die Leute rauszuschneiden!“ Inzwischen war das Medimobil aus Sande eingetroffen. Die Profis erkundeten die Lage und entschieden, die Leute selbst herauszuholen. „Denen läuft die Zeit davon!“ Sie griffen sich ihren Wagenheber und ein Stemmeisen, bogen das Blech auf und befreiten die Leute, versorgten die Verletzungen und ab ging es ins Krankenhaus. Mein Teilzeitchef und seine Freundin überlebten knapp und waren ihren Lebensrettern unendlich dankbar. Die Freundin entsprach schon vorher keinem gängigen Schönheitsideal. Mit der Riesennarbe im Gesicht konnte sie dann davon ablenken. Sie war eine ganz liebe Person. Ich mochte sie. 

 

Welche Erkenntnisse können wir aus diesen Erfahrungen gewinnen? Wieder ein Zitat, diesmal von einem Bekannten. „Handys sind überflüssiges Zeug, das ich nur für Notfälle zulassen würde!“ Wir stellen uns vor, dass die Abermilliarden, die über Jahrzehnte in die Entwicklung und den Ausbau der Mobikfunkinfrastruktur, Entwicklung von Handys, GPS-Ortung, automatischer Notruf, Sturzsensor usw. geflossen sind, nur für Notrufsysteme genutzt würden. Die Geräte würden Milliarden, die Notrufe Millionen kosten. Erst die massenhafte zivile Nutzung, auch und gerade zur Unterhaltung, finanziert derartigen Aufwand und macht die Sache für Investoren attraktiv. Wir erinnern uns „Im Jahr 1969 kostete ein Funkgerät mehr als ein Krankenwagen.“ Heutige Smartphones haben die x-tausendfache Rechenleistung der Computer, mit denen die Mondlandung gesteuert wurde. Der technische Fortschritt belastet die Umwelt, aber wollen wir wirklich darauf verzichten?

 

Besser, wir nutzen den Fortschritt und nutzen die enormen Chancen zum Schutz der Umwelt, die er bietet.