Bürokratieschaffende
In diesen schwierigen Zeiten könnten längst vergessene Tugenden einstige Bedeutung wiedererlangen. Mut, Ehrlichkeit, Fleiß, sogar Vernunft könnten Renaissancen erfahren. Zur Umsetzung dieser werden aber auch genau diese benötigt. Ein Teufelskreis! Um diesen zu durchbrechen wird Charakter benötigt, also mache ich wieder einmal den Anfang.
Ein Kollege von mir, von Beruf Sonnenkönig, sagte einmal: „L´État, c´est moi! - Der Staat bin ich!“ Das konnte er mit (Wahl)Recht behaupten, weil dieses seinerzeit noch recht übersichtlich war. Es gab nur einen Wähler, nämlich Gott. Der hatte ihn gewählt. Dem konnte man zwar widersprechen, jedoch nicht mehrmals. Mangels Kopf. Damit war die Richtlinienkompetenz des Chefs geklärt. Heute ist das etwas komplizierter. Der Souverän, also der Typ ganz oben, ist das Volk. Wird behauptet. Tatsächlich steht in unserem Grundgesetz erst im Artikel 20, Absatz 2, „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.“ Weit vorher, nämlich im Artikel 5, wird jedem Mitglied des Volkes das Recht eingeräumt, seine Meinung frei zu äußern. Ach deshalb …
Wenn alle durcheinander äußern, ist es nicht leicht, eine gerade Linie zu finden. Deshalb benötigten selbst Sonnenkönige, wie auch ihre Vorgänger und Nachfolger, Hilfspersonal. Leute, die die „Staatsgewalt“ zur Zielgruppe transportierten. Von Amts wegen. Solche „beamteten“ Personen, auch „Beamte“ genannt, wurden seit der Antike beauftragt, den Willen des jeweiligen Souveräns durchzusetzen. Damit das auch wirklich im Sinne des Chefs geschah, gab es für Beamte eine besondere Treuepflicht. Umgekehrt bindet der Staat seine „Diener“ auch mit Privilegien an sich. So mit der Alimentationspflicht und der Fürsorgepflicht. Er verpflichtet sich, seine Diener, einmal beamtet, lebenslang mit allem zu versorgen, was sie zum Leben brauchen. Essen, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Altersvorsorge für den Beamten und seine Familie. Der muss sich deshalb nicht um solche Dinge kümmern, die ihn von seinen „hoheitlichen“ Aufgaben ablenken würden. Idealerweise würde damit auch der Korruption vorgebeugt. Idealerweise. Wer Macht ausübt, kann sie ja auch missbrauchen. Oder sich selbst bedienen. Um das zu verhindern, braucht es Kontrolle. Durch wen? Sinnvollerweise durch den Auftraggeber. Damit wären wir wieder am Anfang.
Der „Auftraggeber“ im vorher erläuterten Sinne ist das Volk. Über 83 Millionen Leute. In Deutschland. Organisiert über Parlamente auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene. Im öffentlichen Dienst, verteilt auf diese Ebenen, sind mehr als 5 Millionen Leute tätig, davon ein Drittel Beamte mit dem beschriebenen Sonderstatus „Treue gegen Privilegien“. Insofern kann es natürlich zum Problem werden, wenn in den Parlamenten wiederum ein hoher Anteil an öffentlich Bediensteten sitzt. An der arbeitenden Bevölkerung haben diese einen Anteil von rund 11 Prozent. Im aktuellen Bundestag sind immerhin mehr als 44 Prozent der Abgeordneten im öffentlichen Dienst, Parteien, Kirchen oder anderen Institutionen beschäftigt (gewesen, bevor sie zu Kontrolleuren eben dessen wurden). Anteilig ziemlich genau viermal so viele. Dazu kommen noch 14 Prozent aus Rechts-, Steuer- oder anderen beratenden Berufen. Was machen die, wenn sie nicht im Parlament sitzen? Sie sollen dem Volk helfen, mit dem klarzukommen, was im Parlament verzapft wird. Dagegen kommt nur etwa ein Drittel aus der Wirtschaft. Wen wundert es also, wenn die Bürokratie einen höheren Stellenwert zu besitzen scheint als die Wirtschaft, aus deren Ergebnissen das ganze System bezahlt wird.
Man könnte fast glauben, der Souverän sollte mal wieder nachschauen, wieweit sein eigener Wille noch umgesetzt wird. Parkinson steht nämlich nicht nur für die schreckliche Nervenkrankheit, die sich erkennbar durch Zittern äußert. Ein gewisser C. Northcote Parkinson, britischer Historiker, formulierte nämlich schon von 70 Jahren mehrere „soziologische Lehrsätze“. Mit feiner Ironie formuliert, aber durchaus treffend: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“ Eine weitere Erkenntnis besagt: „Angestellte schaffen sich gegenseitig Arbeit.“ Volkstümlich zusammengefasst: Irgendwann reicht es einer Verwaltung, sich selbst zu verwalten. Praktisch, wenn sie sich dann auch noch selbst kontrolliert. Das Volk wird am Ende nur noch benötigt, das alles zu bezahlen. Blöd nur, wenn alle in der Verwaltung beschäftigt sind. Das kann man schon mal das große Zittern bekommen.