Kommunikation

Noch heute schrillt es in meinem Ohr „Deeeeeetlef!“ Seine Mutter hatte das Essen fertig und der kleine Detlef, der irgendwo draußen war, sollte kommen. Das war vor mehr als 60 Jahren. Handy oder gar Smartwatch hatte nur „Nick, der Weltraumfahrer“, der Held aus den kleinen Science Fiction Comics, die meine Mutter fachkundig als „Schund“ klassifizierte. Den individuellen Klingelton gestaltete Detlefs Mutter, indem sie das „e“ zu schrillem Diskant hochschraubte. Das Geräusch ging nicht nur Detlef durch Mark und Bein. Er hörte es und befolgte den Gestellungsbefehl. (Unsere Väter waren Soldaten) Wenn wir draußen waren, gab es Richtwerte, wann wir zurückzukommen hätten. „Zum Mittag“, „wenn es dunkel wird“, „wenn Oma zum Kaffee kommt“. Dazwischen genossen wir uneingeschränkte Freiheit, ohne Ortung, unerreichbar. 

 

Als meine Eltern ein eigenes Telefon bekamen, ging ich schon zum Gymnasium. Nun konnte ich immerhin schon zuhause anrufen, wenn ich mich verspäten würde oder sonst etwas passiert war. Aber von wo konnte ich anrufen? Es gab zwar alle paar Straßenecken Telefonzellen mit Münzapparaten, aber ohne Münzen nützten die auch nichts. Man musste 20 Pfennige dabei haben und Glück, dass das Telefon funktionierte, der Hörer nicht abgerissen war oder das ganze Ding demoliert. Für ein Ferngespräch mit Vorwahl konnte man kaum ausreichenden Münzvorrat dabei haben, so schnell rauschten die Münzen durch.

 

Bei der Sparkasse, 1969, hatte ich die erste Begegnung mit einem Computer. Wir schrieben die Kontostammdaten auf Formulare, die von „Datentypistinnen“ auf Lochkarten übertragen wurden. Bewegliche Daten, Umsätze wie Überweisungen, Abhebungen usw., gelangten entsprechend auf Lochstreifen. Die Lesegeräte dafür hatten die Größe von Wohnzimmerschränken. Für die Installation des Computers hatte der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse seine Dienstwohnung räumen müssen. Es wurde ein doppelter Boden für die Installationen, eine Klimaanlage und, für die Sicherheit, eine Standleitung zur Feuerwehr eingerichtet. Immerhin hatte der Computer ja eine CPU (Hauptspeicher) von 64 KB (KB!). Einen Bildschirm gab es nicht, sondern eine fortschrittliche „Steuerpultschreibmaschine“, mit der er erfuhr, was er machen sollte. Wahrscheinlich ist die Elektronik einer Zahnbürste heute deutlich leistungsfähiger. 

 

Während meiner Grundausbildung bei der Bundeswehr im Jahr 1973 erhielt ich zusätzlich die Qualifizierung zum Richtkanonier MK 20 Zwilling, einer zu dieser Zeit hochmodernen Flugabwehrkanone. Eine Besonderheit stellten die Funkgeräte dar, die sowohl der Kanonier als auch der Luftraumbeobachter trugen. Es handelte sich um hochmoderne Geräte von Telefunken, die aufgrund ihres hohen Werts mit größter Sorgfalt gehütet wurden. Die Geräte hatten etwa die Größe eines Taschenbuchs und die Gespräche waren durch markantes Knattern und Krächzen gekennzeichnet. Die Akkulaufzeit betrug sensationell fast eine halbe Stunde. Der Luftraumbeobachter bezog eine Position einige Hundert Meter entfernt in Richtung des erwarteten Anflugs. Sobald er das anfliegende Flugzeug erspähte, meldete er dies per Funk, sodass der Kanonier die Kanone entsprechend ausrichten konnte. Die Kanone wurde elektrohydraulisch per Joystick gedreht. Bei einer schnellen Drehung wäre ich einmal beinahe vom Sitz geflogen. Glücklicherweise war ich angeschnallt. Das Zeitfenster zwischen der Warnung und der eigenen Sicht auf das anfliegende Flugzeug betrug lediglich wenige Sekunden. Die Reichweite der Funkgeräte war jedoch begrenzt. Alles in allem eine hochmoderne Ausstattung für das Jahr 1973.

 

Als Nachschuboffizier bei der Luftwaffe musste ich einmal einem Mitarbeiter den Amtszugang über die Telefonvermittlung sperren, weil er unser gesamtes Telefonbudget mit sinnlosen Telefonaten vergeigt hatte. Für offizielle Kommunikation hatten wir ein Telex-Gerät, einen Fernschreiber, so groß wie eine Waschmaschine. 

 

Anfang der 80er gab es dann Teletex, eine etwas modernere Version des Fernschreibers. Mit Bildschirm. Der erste Computer, mit dem ich diesen Fortschritt nutzen konnte, war eine „Bitsy“ von Triumph Adler. Ein Bildschirmtextsystem, für das ich mit drei Arbeitsplätzen und einer sensationell großen Fest-/Wechselplatte von 5 MB gerade mal 120.000 DM zu berappen hatte. 

 

Etwas später hatte ich ein „Modem“, einen Akustikkoppler. Das war ein Gerät, in das man den Hörer eines Telefons einlegte. Die Töne aus dem Hörer wurden dann in Signale umgewandelt, mit denen man Dateien senden und empfangen konnte. Bei einfachen Geräten mit etwa 300 bis 2.400 bit/s.  Für ein Foto mit heute üblicher Auflösung von gerne mal 4 MB hätte man mehrere Stunden gebraucht. Bei stabiler Leitung und ohne Nebengeräusche! Mit solch einem Gerät konnte ich sogar in das damals noch rudimentäre Internet gelangen. Nur Text, keinerlei Gestaltung oder Illustrationen. Ich war fasziniert davon, dass ich von meinem Schreibtisch aus die Kommunikation zwischen Universitäten mitlesen konnte und sogar Doktorarbeiten zu bestimmten Themen für mich erreichbar waren. Nächtelang fesselten mich diese neuen Möglichkeiten. 

 

Mein erster PC, 1985, hatte einen Hauptspeicher von 64 KB, eine Festplatte von 8 MB und ein Floppy-Disk-Laufwerk für Disketten mit 512 KB. Für Ausdrucke hatte ich einen 9-Nadeldrucker und für Korrespondenz einen Typenraddrucker, der mit einem einmal nutzbaren Plastikfarbband ein sehr professionelles Schriftbild abgab. Man musste nur wissen, dass der komplette Text auf dem Farbband abgebildet und so rekonstruierbar war. Manche Leute wunderten sich, welche vertraulichen Informationen aus dem Mülleimer zu Tage traten. Diese Ausstattung bekam man sensationell günstig schon für 15.000 DM. Das Betriebssystem „MS DOS“ wurde mit Hilfe der Disketten in das Gerät geladen. Eine Aufgabe für ruhige Stunden. Wenn das Gerät betriebsbereit war, erschien auf dem Bildschirm ein Cursor, grün oder bernsteinfarben auf schwarzem Grund. Sonst nichts. Mann musste schon wissen, was man wollte und, wie man es dem Ding sagte. 

 

Zurück zur Kommunikation. Die heutige enge Verzahnung von Kommunikation und Datenverarbeitung entwickelte sich erst mit der Zeit. Lange Zeit waren mindestens zwei Geräte für verschiedene Aufgabenbereiche nötig. Eher mehr. Noch Anfang der 90er zeigten mir Geschäftspartner sehr stolz einen neuen Drucker, mit dem man auch Faxe verschicken konnte. Ein riesiges Teil. Richtig teuer, rund 7.000 DM. Daneben stand eine ebenfalls riesige Speicherschreibmaschine. Etwa gleich teuer. Damit konnte man nur schreiben. Dies aber - sensationell - mit einem Textspeicher, um den bereits geschriebenen Text nachträglich korrigieren zu können, ohne mit „Tipp Ex“ zu überpinseln oder einfach neu zu schreiben. Das Telefon war üblicherweise schnurgebunden. Für mehrere Standorte brauchte man mehrere Telefone oder Anschlussdosen zum Umstecken. Eine große Errungenschaft war Anfang der 80er das „Komforttelefon Alpha“. Das hatte Tasten anstelle der vorher üblichen Wählscheibe und man konnte zwischen zwei „Amtsleitungen“ wechseln. Neben der „Farbe“ Elfenbein gab es das moderne Teil auch in weinrot oder moosgrün.

 

Mein erstes Mobiltelefon, Anfang der 90er, war ein „Siemens C2“. Nicht ganz so zierlich wie ein handelsüblicher Toaster. Mit Hörer und Zubehör knapp 4 kg leicht. Komplett mit Autohalterung schon für rund 9.000 DM zu haben. Der Hörer mit integrierter Tastatur, der durchaus als Waffe dienen konnte, hing an einer Spiralschnur und wurde entweder direkt an das Telefon oder an eine Steckdose angesteckt, die von der Halterung im Kofferraum ins Cockpit verkabelt war. Zusätzlich wurde natürlich eine Funkantenne außen am Auto benötigt. Ein gewaltiger Fortschritt gegenüber dem „B-Netz“, das nicht nur ein riesiges Funkgerät im Kofferraum benötigt hatte und dem Anrufer das Wissen abverlangte, in welchem Vorwahlbereich der Anzurufende sich gerade befand, sondern auch schon ab ca. 20.000 DM zu haben war. Ganz abgesehen von den enormen Gesprächsgebühren für Anrufer und Angerufenen (!). Besonders komfortabel war die Möglichkeit, das C2 auch unabhängig vom Auto nutzen zu können. Es war tragbar, mit aufschraubbarer Antenne und eingebautem Akku. Damit konnte man bis zu 15 Minuten autark telefonieren. Wahnsinn! Auch im stehenden Auto schaltete das Gerät nach etwa 15 Minuten ab, um die Autobatterie zu schonen. Bei laufendem Motor gab es keine Beschränkung. Mit diesem wertvollen Hilfsmittel konnte ich einen großen Teil meiner Büroarbeit während der Fahrt erledigen. Verbote waren damals noch nicht in Sicht. 

 

So richtig mobil wurde ich mit meinem ersten Nokia-Handy, der berühmten „Banane“, das ich 1996 kaufte. Federleichte 150 Gramm und ein Format, das in die Hosentasche passte. Mit einer verschiebbaren Klappe zum Schutz der Tastatur und einer Akkulaufzeit von mehreren Tagen. Die nächste Stufe war mein Blackberry. Nicht nur ein Telefon, sondern auch ein perfektes Werkzeug für E-Mail-Korrespondenz. Mit vollwertiger Tastatur und „großem“ Display. Davon hatte ich mehrere Generationen. Damals unverzichtbare Arbeitsgeräte. Allerdings waren die Internetfunktionen eine reine Katastrophe. Dann kam für mich ein denkwürdiger Tag. In Zürich in einer Hotelbar. Irgendwann 2008 oder 2009. Ich sah, wie jemand mit einem schwarzen, flachen Teil hantierte. Mit brillantem Bildschirm, auf dem kleine Symbole angeordnet waren. Wenn man mit dem Finger darauf tippte, öffnete sich ein Programm oder ein Internetzugang. Ich fragte den Mann, ob ich das Ding genauer anschauen dürfe … Wenige Tage später hatte ich solch ein Teil. Damals die zweite Version namens iPhone 3G. Heute die vierzehnte. Es gäbe schon Version Nr. 16, aber wir wollen ja nicht übertreiben. 

 

Die Fortschritte der Kommunikation habe leider auch bewirkt, dass die Aufmerksamkeitsspanne der Menschen sich verkürzt hat. Lange Texte liest kaum noch jemand. Deshalb höre ich an dieser Stelle auf. Allerdings werde ich noch auf meine Beziehung zu Apple zurückkommen. Es gibt da einiges zu erklären.