Sozialismus und Frechheit
Seit frühester Jugend prägt mich ein fester Vorsatz: „Niemals werde ich mich auf bessere alte Zeiten berufen, die Jugend von heute bemäkeln, Lebensalter als Verdienst betrachten!“ Wenn ein alter Mensch Blödsinn verzapft, dann bleibt es genauso Blödsinn, wie wenn es ein junger Mensch täte. Inzwischen kommt natürlich Erfahrung hinzu, die mir hilft, Irrtümer als solche zu erkennen. Was aber sollte einen jungen Menschen daran hindern, vernünftige Erkenntnisse auch ohne Erfahrung zu gewinnen? Der Wert einer Erkenntnis bemisst sich nicht am Lebensalter des Erkennenden, sondern an der Qualität der Erkenntnis. So, das musste einmal gesagt werden! Wenn ich also jetzt mit klugen Sprüchen daherkomme, dann liegt das nicht am Alter, sondern an der Erkenntnis. „Das habe ich doch schon immer so gesagt!“
Eine der wesentlichen Erkenntnisse, die mich mein Leben lang begleiten, ist die, dass jeder zunächst für sich selbst verantwortlich ist. Freiheit bedeutet ja auch, von niemandem abhängig zu sein. Das Streben nach eben dieser persönlichen Freiheit ist ein wesentlicher Auslöser von Generationenkonflikten. Naturgemäß kann ein Kind am Anfang nicht für sich selbst sorgen. Je selbständiger es wird, desto widerborstiger wird es gegen unerwünschte Fürsorge. Auch alte Menschen verlieren oft die Selbständigkeit, die ihren Freiheit gegeben hatte und wehren sich gegen „Bevormundung“. Generationenkonflikt vom anderen Ende. Diese geschilderten Abhängigkeiten sind vorwiegend unvermeidbar und die damit einhergehende Belastung von der Gestaltung und dem Umgang mit der Situation geprägt.
Vor vielen Jahren habe ich einmal eine Bemerkung zur Erwartungshaltung an den Staat gemacht: „Ein Deutscher, der am Amazonas von einer Schlange gebissen wird, setzt sich hin und wartet auf den Notarzt!“ Schließlich hat er Anspruch auf Versorgung. Kommt der Notarzt nicht, verklagt das „Opfer“ den Staat. Das war natürlich übertrieben. Der Kern der Erkenntnis liegt darin, dass Eigenverantwortung heute häufig als Dummheit gilt. Man hat ja „Anspruch“. Ich wollte damit auch ausdrücken, dass man in unserer Gesellschaft häufig keinen Unterschied zwischen notwendiger Unterstützung und Schmarotzertum mehr bemerkt. Stellen wir uns vor, eine Gruppe von Menschen geht auf eine Bergtour. Sie sichern sich gegenseitig und jeder profitiert von der Absicherung durch die anderen, seine Socii. „Socius“ ist Latein und bedeutet „Kamerad, Gefährte, Partner“. Stürzt einer ab, fangen ihn die anderen auf. Ist einer verletzt, tragen ihn die anderen nach Hause. Sie verhalten sich „sozial“, kameradschaftlich. Sollte jemand auf die Idee kommen, sich den ganzen Weg von den anderen tragen zu lassen, so könnten diese das Anliegen durchaus kritisch hinterfragen und ihrem Sozius unterstellen, er sei asozial.
Wir halten fest, dass Worte mit dem Bestandteil „Sozi …“ positiv belegt sind. Deshalb nutzt man sie auch gern für tatsächlich oder vermeintlich freundliche Zusammenhänge. Während das eigentlich ebenso freundliche „communis“, gemeinschaftlich, zwar in vielen positiven Zusammenhängen wie Kommune als Gemeinwesen vorkommt, wird der Kommunismus eher als Synonym für Gleichmacherei gesehen. „Der Kommunist will mir etwas wegnehmen, der Sozialist will mich unterstützen.“ Bei der Verwendung der Begriffe ist also auf den Inhalt zu schauen, um nicht auf verbale Schönfärberei hereinzufallen. Beiden Begriffen liegt im ursprünglichen Sinn der Gedanke der Gegenseitigkeit zugrunde. Jeder trägt im Rahmen seiner Fähigkeiten seinen Anteil bei und der „…ismus“ kümmert sich um Ausgleich und gerechte Verteilung. Solche idealen Gesellschaften hat es im Laufe der Menschheitsgeschichte auch wohl gegeben. Im überschaubaren Rahmen, vorwiegend bei Naturvölkern und in kleineren Gemeinschaften. Ein erfolgreicher „…ismus“, der den Menschen gleiche Rechte, gleichen Wohlstand und persönliche Freiheit nachhaltig garantiert hätte, ist mir nicht bekannt. Wer mich mit Hilfe der wunderbaren Erfahrungen aus dem „real existierenden Sozialismus“ eines Besseren belehren will, der erkläre mir das Phänomen „Intershop“.
Soziales Verhalten hat neben der gesellschaftlichen Prägung und der Erziehung auch mit einer Grundeinstellung zu tun. Es gibt eben Menschen, die sparsamer sind als andere. Menschen, die zupacken und andere, die abwarten. Menschen, die anderen helfen können, und solche, die nicht einmal sich selbst helfen können. Eben unterschiedliche Charaktere. Die durchaus auch in der Lage sind, gemeinschaftlich bessere Ergebnisse zu erzielen als allein. Ich, der ich an der Nordsee aufgewachsen bin, denke in diesem Zusammenhang gern an die gemeinsamen Bemühungen, mit dem Wasser umzugehen. Historiker und andere Wissenschaftler mögen mir die groben Vereinfachungen verzeihen. Die Nordsee hat nämlich die Angewohnheit, aus Küstensicht den Wasserstand zu verändern. So etwa alle 6 Stunden kommt das Wasser und zieht sich wieder zurück. Grundsätzlich planbar. Gelegentlich aber kommt mehr Meerwasser und überflutet die schönen fruchtbaren Felder und Wiesen des Marschlands. Und die Häuser, die dort stehen. Man wusste sich zu helfen und baute die Häuser und Ställe auf Hügel, die man künstlich errichtete. Warften oder Wurten genannt. Je nach Gegend. Diese Sicherheitsanlagen waren mehrere Meter hoch und ragten bei Sturmfluten aus dem Wasser. Bei Gefahr konnten sich Mensch und Vieh dort in Sicherheit bringen, lebten einige Stunden oder Tage auf Inseln und der Schaden hielt sich in Grenzen. Allerdings kam auch Salz mit dem Wasser. Nicht für jede Pflanze ideal. Auch die Notwendigkeit, für jedes Gehöft einzelne Hügel zu bauen, erwies sich als recht aufwendig. So kam man auf die Idee, das Wasser insgesamt fernzuhalten. Durch Deiche, Erdwälle, die das Wasser in seinen Grenzen halten sollten. Das wiederum konnte sinnvoll nur gelingen, wenn man es gemeinsam tat. Über lange Strecken, weil das Wasser ja um einzelne Abschnitte herumfließen konnte. Das war nicht nur ein riesiger Aufwand für die Deiche, sondern auch für die Bauwerke, die für die Trennung von Süß- und Salzwasser gebraucht wurden. Für die Durchlässe von Flüssen, für Häfen usw. Man musste sich zwangsläufig zusammentun, um das alles zu stemmen. Ich erinnere mich heute noch an die „Deich- und Sielumlagen“, die jeder Grundeigentümer zu zahlen hat. Jeder profitiert, also zahlt auch jeder. Die anderen machen lassen und selbst nur die Sicherheit genießen, war und ist nicht drin. Für mich ein einleuchtendes Beispiel für die Stärke einer Gemeinschaft.
Warum erzähle ich das alles? Bei mir verstärkt sich der Eindruck, als sei es modern und vernünftig, Wege zu finden, wie man von dem profitieren kann, was andere leisten. Viele „Ratgeber“ beschäftigen sich damit, wie man sich erfolgreich vordrängelt oder Gratisleistungen schnorrt. Worauf sind „erfolgreiche“ Schnorrer eigentlich stolz? Was sind das für erbärmliche Typen, die Freiheit für sich einfordern und die Leistungen anderer zum Leben brauchen? Ist es unanständig, widerborstig zu sein, wenn jemand ohne erkennbare oder auch nur behauptete Not Leistungen der Gemeinschaft einfordert? Ich bin davon überzeugt, dass es die Pflicht der Gesellschaft ist, Schmarotzertum zu unterbinden. Schmarotzer nehmen den wirklich Bedürftigen die dringend benötigten Ressourcen weg und beschädigen die Motivation der Leistungsträger.
So, jetzt kommt wieder der Besserwisser! An anderer Stelle habe ich einige Geschichten aus meiner Bundeswehrzeit berichtet. Sei es drum! Dann gibt es eben Überschneidungen. Aus der Sicht vieler Sozialromantiker ist es menschenunwürdig, mehrere Menschen ohne Privatsphäre in einen Schlafsaal zu stecken, sie ihre Unterkunft samt Toiletten selbst putzen zu lassen und ihnen Essen oder auch nur Freizeit so lange vorzuenthalten, bis alle Aufgaben zur Zufriedenheit der „Lagerleitung“ erledigt sind. Dabei habe ich doch nur meine Grundausbildung beschrieben. Auch nicht viel anders als frühere Erfahrungen im Schullandheim. Setzen wir noch einen drauf: Nach der Grundausbildung kam die Offiziersschule mit weitergehenden Erkenntnissen und Erfahrungen. Im Rahmen dessen wurden wir natürlich auch an der frischen Luft beschäftigt. Eines Tages ging es um einen sehr anstrengenden Marsch im Gebiet des Ammersees. Querwaldein mit schwerem Gepäck. Gegen Mittag erreichten wir erschöpft eine Lichtung, wo Hubschrauber auf uns warteten. Erfreut und erleichtert stiegen wir ein. Das war doch eine nette Geste. Endlich entspannt nach Hause! Die Hubschrauber hoben ab und flogen los. Aber wohin? Nicht nach Hause, sondern zurück zum Ausgangspunkt! Alles noch einmal von vorne. So, jetzt sehe ich einen 20jährigen Schnösel vor mir, der von der Sozialgemeinschaft Unterkunft, Essen und Taschengeld verlangt und es menschenunwürdig findet, wenn er dafür die Straße fegen oder Müll einsammeln soll? Da fehlt es mir tatsächlich am Verständnis.
Verstehen wir uns nicht falsch! Noch einmal: Wer in Not ist, dem muss geholfen werden! Umfassend und ohne Hindernisse. Ohne entwürdigende Verfahren bzw. mit verständnisvoller Unterstützung bei der Beantragung. Es gibt vielfältige Ursachen für Notsituationen. Unverschuldet oder selbst verursacht. Bei aller Strenge brauchen Menschen, die in Not sind, auch Perspektiven. Was können sie beitragen, um ihre Situation zu verbessern? Wie kann man ihnen dabei helfen? Der erste Schritt sollte wohl die Erkenntnis sein, ein Problem zu haben. Bleiben wir bei unserem Schnösel. Wenn der ohne Gegenleistung alles bekommt, was er braucht - wo ist dann das Problem? Ist Frechheit eine Leistung? Andererseits wird immer davon gesprochen, dass die überwältigende Mehrheit der Leistungsempfänger eben nicht aus Schnorrern besteht. Okay, aber wo setzt man den Maßstab an? Jeder kennt das Beispiel vom syrischen Architekten, der sich als Taxifahrer durchschlägt. Bravo! Der hat erkannt, dass ihm der theoretische Anspruch auf eine „angemessene“ Beschäftigung nicht weiterhilft. Er hat ein Problem. Er weiß es und tut was. Andererseits gibt es wohl kaum eine dümmere Reaktion als Menschen, die arbeiten wollen, genau das zu verbieten oder sie dafür zu bestrafen.
Noch ein Aspekt aus der Sicht eines alten Mannes. Armut ist relativ. Wenn ich an die erste Wohnung meiner Eltern in meiner Kindheit zurückdenke, so wäre diese heute unzumutbar, weil menschenunwürdig. Im Dachgeschoss eines 3-stöckigen Hauses ohne Lift. Ofenheizung nur im Wohnzimmer, Kohlen im Keller, Kaltwasser, Einfachverglasung. Im Winter Minustemperaturen im Schlaf- und Kinderzimmer. Aber waren wir arm? Nein, anderen ging es auch nicht besser. Mit der Zeit sind die Standards gestiegen. Gut so. Nur, heute kommen Menschen zu uns, für die unsere Wohnung der 50er purer Luxus wäre im Vergleich zu ihrer Situation vorher. In weiten Teilen unserer Welt würde unsere „Armut“ als Luxus empfunden. Warum nehmen so viele Menschen unglaubliche Strapazen auf sich, um bei uns „arm“ zu sein? Sind menschliche Grundbedürfnisse abhängig vom Standort? Schwierige Fragen!
Kommen wir noch einmal zurück auf unsere Bergwandergruppe. Daran ist die Funktionsweise sozialen Verhaltens recht einfach zu verstehen. Wird die Gruppe größer, anonymer, werden auch die Zusammenhänge und Wechselwirkungen komplizierter. Innerhalb der BRD gibt es immerhin in etwa das gleiche, gewachsene Wohlstandsgefüge, den gleichen Kulturkreis. Dehnt sich die Gruppe jedoch unkontrolliert weltweit aus, so werden die auszugleichenden Unterschiede derart krass, dass sie kaum zu bewältigen sind. Jedenfalls nicht durch Umsiedlung und Gleichmacherei. Da ist nicht nur Besonnenheit und Planung gefragt, sondern auch konsequentes Handeln.