Zwerge und Riesen

Da gibt es einen jungen Mann, Beruf „Podcaster“, der ein Buch geschrieben hat „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“. Er bekommt die Gelegenheit, zur Hauptsendezeit in der ARD vor einem Millionenpublikum darzulegen, dass er „aus Eigeninteresse“ argumentiert und feststellt „am Ende des Tages ist man sich selbst der Nächste“. Für ihn steht fest, dass ein Großteil der „Bevölkerung lieber unter fremder Herrschaft leben als im Kampf sterben will“. Letzteres ist sicher tatsächlich nicht sonderlich erstrebenswert. Trotzdem haben viele Menschen ihr Leben riskiert, um Freiheit vor unerwünschter Herrschaft zu erlangen. Seit Menschengedenken. 

 

Spartakus wollte Freiheit vor der Sklaverei. Wilhelm Tell hatte etwas gegen herrschaftliche Hüte. Die Franzosen wollten Freiheit statt Kuchen. 1956 entstand aus einer Demonstration für Freiheitsrechte der Ungarnaufstand, der gewaltsam niedergeschlagen wurde und Tausende Todesopfer forderte. Der „Prager Frühling“ wurde 1968 mit brutaler Gewalt niedergeschlagen, unbewaffnete Bürger wurden erschossen, von Panzern überrollt. DDR-Bürger stellten sich am 17. Juni 1953 gegen russische Panzer und gingen um 1989 wieder auf die Straße, wurden bedroht, geschlagen, eingesperrt. Trotzdem setzte sich die Freiheit durch und die Besatzer und Unterdrücker wurden zurückgedrängt. Waren alle dumm, die für die Freiheit kämpften? Haben sie etwas erreicht, für das es sich lohnte, zu kämpfen und zu sterben? Was die Alternative gewesen wäre, können wir heute wieder sehen. 

 

In Russland begibt man sich in akute Lebensgefahr, wenn man die „falsche“ Meinung sagt. Langjährige Folter in unmenschlichen Straflagern unterdrückt selbst unvorsichtige Äußerungen, indem man z.B. den „Krieg“ in der Ukraine als solchen bezeichnet. Kann man sich einen „Podcaster“ im russischen Fernsehen vorstellen, der öffentlich eine Fremdherrschaft in Russland propagieren würde? Umgekehrt sieht man im russischen Staatsfernsehen unverhohlene Drohungen von Kommentatoren oder gar Spitzenpolitikern, die Angriffe auf Berlin, die Auslöschung von Polen, die Besetzung von Paris, die Überflutung von London androhen und die Erweiterung Russlands auf die ehemaligen Gebiete des Zarenreiches und mehr verlangen. Zeitweise hatte übrigens auch die „Herrschaft Jever“ dazugehört. Wie hat übrigens die AFD bei der Bundestagswahl dort abgeschnitten? (Rund 20%) Bisher hört man in der Gegend (noch?) eher selten Rufe, die darum bitten, in die Arme von Mütterchen Russland zurückzukehren. Die meisten Ungarn, Tschechen, Ukrainer oder DDR Bürger können sich ebenfalls nicht erinnern, seinerzeit die Russen um Hilfe gegen die Freiheit gebeten zu haben. Die aber hatten solche Rufe gehört und waren zur Stelle. Mit der Folge, dass Millionen von Menschen ihre Heimat verlassen und sogar ihr Leben riskiert haben, um den sozialistischen Paradiesen den Rücken zu kehren. Es ist durchaus bemerkenswert, dass der Warschauer Pakt 1968 über eine halbe Million Soldaten, 6.000 Panzer und 500 Flugzeuge aufwenden musste, um rund 15 Millionen Bewohner der Tschechoslowakei davon zu überzeugen, dass der Wunsch nach Demokratie und Freiheit ein Irrweg war. 

 

Rund 20 Jahre später wurde dieser Wunsch bei den „Brudervölkern“ der Sowjetunion erneut so übermächtig, dass nicht nur die Vasallenstaaten sich abwandten, sondern auch etliche Sowjetrepubliken ihren Austritt aus der von Russland dominierten Staatengemeinschaft erklärten. Offiziell löste sich die Sowjetunion im Dezember 1991 auf und die Russische Föderation wurde deren offizieller Nachfolger. Ein Großteil der Staaten des früheren Einflussbereichs entwickelte sich dann zu Demokratien nach westlichem Muster. In früheren Sowjetrepubliken entstanden aus der neu gewonnenen, wohl auch ungewohnten, Freiheit Machtstrukturen, die teilweise auf alten Sowjetseilschaften aufbauten. Die westlich orientierten Staaten suchten Schutz vor Übergriffen aus Russland, indem sie der NATO beitraten. Ehemalige Sowjetrepubliken bildeten dagegen die „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ (GUS), die allerdings an Bedeutung verlor, weil die Interessen zu unterschiedlich waren. 

 

Nun stelle man sich aber den einen oder anderen Russen vor, der zuvor in diesem Staatenbund, der ja von Russland mit eiserner Hand zusammengehalten worden und dominiert war, zu einer privilegierten Schicht gehört hatte. Rund 25 Millionen Russen lebten nun außerhalb Russlands bzw. des unmittelbaren Einflussbereichs. Dort war ein Russe plötzlich kein „Herrenmensch“ mehr. Im Gegenteil, in manchen Gegenden des einstigen Weltreiches waren die Russen sehr unbeliebt gewesen und nun fühlten sie sich gegenüber den neuen „Hausherren“ benachteiligt. Noch schlechter fühlte sich der kleine Waldemar. (Das ist übrigens keine Herabsetzung, wir sprechen ja auch von „Peter dem Großen“, nicht von „Pjotr …“ - und groß ist er auch nicht.)

Er war mächtiger Geheimdienstoffizier einer Supermacht gewesen. Für ihn brach mit den Veränderungen buchstäblich eine Welt zusammen. Der Einfluss Russlands war geschrumpft und bisherige Verbündete und „Pufferstaaten“ waren zur einstigen Gegenseite übergelaufen. Aus seiner Sicht hatte die „größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts“ stattgefunden. Mit Hilfe seiner unbestreitbaren Fähigkeiten, seiner Geheimdiensterfahrung und seinen Seilschaften gelang es ihm in den Folgejahren, nicht nur an die Spitze des Staates zu kommen, sondern seine Machtfülle derart auszubauen, dass er heute wie ein absolutistischer Monarch regieren kann und Herr über Leben und Tod unzähliger Menschen ist. 

 

Zu den Kernkompetenzen guter Geheimdienstleute gehört die Fähigkeit zur hemmungslosen Lüge. In der Branche vornehm „Desinformation“ genannt. Das ist mittlerweile eine interdisziplinäre Wissenschaft. Hier kommen die Erfahrungen von Psychologen, Beichtvätern, Medienexperten, Märchenerzählern, Erpressern, Folterern und Straßenräubern zusammen und verbinden sich zu einem Mix aus Lüge, Drohung, Schmeichelei, Bestechung, Träumerei und Sehnsüchten. Das alles immer wieder systematisch unter die Leute gebracht. Langfristig, penetrant und unbeirrbar. Besonders einfach ist das natürlich, wenn man die Verbreitung von Informationen kontrolliert und den Zugang zu unkontrollierten Quellen unterbindet. Das steht mehr oder weniger deutlich in jedem Lehrbuch für Despoten. Vielleicht gehe ich an anderer Stelle noch näher auf dieses interessante und wichtige Thema ein. 

 

Trotz eines wahrhaft epochalen Lügengespinsts verheimlicht unser kleiner Waldemar jedoch sein großes Ziel in keiner Weise: Er will die alte Bedeutung seiner Heimat nicht nur wiederherstellen, sondern noch erweitern. Die Sowjetunion, das Zarenreich, das Mongolenreich in der jeweils maximalen Ausdehnung dienen als historische Legitimation der Besitzansprüche. Und weil man schon mal so bedeutend ist, kann der Rest von Europa zur Abrundung gleich mit vereinnahmt werden. Der Blick in die Geschichte lehrt dabei, dass Menschenleben in jeder Anzahl dabei völlig unbedeutend sind. Man ist schließlich in historischer Mission unterwegs. Den jeweiligen Beinamen „der/die Große“ haben Alexander, Karl, Friedrich, Peter, Katharina und Gleichgesinnte nicht zuletzt durch gewaltsame Erweiterung ihrer Einflussgebiete erhalten. Das ist natürlich für den kleinen Waldi ein Ansporn. So gesehen ist sein orangefarbener Freund aus Amerika keine Konkurrenz. Dem sind menschliche Schicksale zwar nicht weniger gleichgültig. Dessen großes Ziel ist eher persönlicher Reichtum und Macht und die Verehrung als neuer Messias. Über jeweilige Gebietsansprüche bis hin zur Aufteilung der Welt kann man sich unter Gleichgesinnten einigen. Er meint, einen Friedensnobelpreis dadurch zuverdienen, dass man tatenlos zusieht, wie Kindergärten und Krankenhäuser bombardiert werden, sich mit dem Täter anfreundet und die Opfer beleidigt.

 

Nun brauchen Herrscher natürlich auch Untertanen. Die müssen erst einmal unterworfen werden. Freiwillig oder mit Gewalt. Tatsächlich gibt es Leute, die sind gern Untertanen. Keine Verantwortung, kein Risiko. Vermeintlich. Solange man nicht ins Visier der Herrschenden gerät oder die Ausbeutung schmerzhaft wird. Das kann man vermeiden, indem man sich andient. Als Scherge, Spitzel oder Speichellecker. Oder Polizist, IM (informeller Mitarbeiter der StaSi) oder „Journalist“. Mache merken erst, wofür sie sich hergegeben haben, wenn sie ihre eigenen Kinder oder Eltern ans Messer liefern, verprügeln oder ins Straflager bringen müssen. Anderen ist auch das egal. Wenn sich die Macht der Herrschenden erst einmal so verfestigt hat, dass jede abweichende Handlung oder Meinung lebensgefährlich ist, dann wird es schwer, sich davon zu befreien. Und kann sehr lange dauern. Interessanterweise fühlen sich die „Obrigkeiten“ irgendwann so sicher, dass sie es mit den Repressalien übertreiben und nicht bemerken, dass der „Druck im Kessel“ steigt und irgendwann die Explosion droht. Wenn sie pfiffig sind, öffnen sie dann Ventile, um Druck abzulassen, importieren Bananen oder Volkswagen oder erlauben Ausreisen. Reicht solche Kosmetik nicht oder bleiben entsprechende Maßnahmen aus, kann es zur Explosion kommen. Revolution - Umwälzung. Der große Knall. Dabei geht viel kaputt. Menschen, Material, Strukturen. Mit ungewissem Ergebnis für den Ausgang und großem Risiko für die Beteiligten. Nicht unbedingt besser als vorher. Kuba als gesicherte Armut, Oktoberrevolution, die in die Sowjetunion mündete. Millionen von Toten und am Ende wieder eine Gewaltherrschaft. Aufstände, die ihr Ziel nicht erreichten. Aber auch friedliche Revolutionen wie im Osten Europas in der 80er/90er Jahren. Die französische Revolution bewirkte Freiheitsrechte, die zum Vorbild für andere Nationen wurden. Manchem Franzosen ist es heute peinlich, was die von ihnen geschenkte Freiheitsstatue heute mit ansehen muss. 

 

Kommen wir zurück zu unserem „Freund“ vom Anfang. Er genießt die Freiheit, seine Meinung öffentlich vorzutragen. Mit dem einzigen Risiko, damit seine Dummheit zu offenbaren. Gerade er ist nämlich nicht frei. Er ist ein Opfer. Er erwartet, dass andere seine Freiheit verteidigen, und gibt denen gleichzeitig eine gute Begründung, das nicht zu tun. Man könnte natürlich meinen, dass solche Charakterzwerge genau dem Typus entsprechen, aus dem später die Spitzel gemacht werden. Zitat: „am Ende des Tages ist man sich selbst der Nächste“. Wie wäre es mit: „am Ende des Tages kann jeder das nächste Opfer sein!“? Wie auch immer - ich mag ihn nicht!